Blue Monday in Berlin- New Order, Tempodrom Berlin, 07. Oktober 2019 Live Review

„Manchmal auch the Cure, oder The Smiths…. aber größtenteils New Order“ . Vielleicht hätte der Text zu „Sumisu“ von Farin Urlaub so geheißen, hätte er in der dunkelsten Phase seiner Jugend mal ein Konzert einer der berühmtesten Bands Englands besucht. Während die von ihm beizeiten hochgelobten Smiths nicht zuletzt wegen der geistigen Umnachtung von Frontmann Morrissey mittlerweile einen zwiespältigen Ruf in der Musikszene genießen, sind New Order aus Manchester seit ihrer Gründung 1980 (vormals Joy Division, nach dem Freitod von Sänger Ian Curtis Umbenennung in New Order) skandalfrei bis ins Jahr 2019 gekommen. Ihr Hit „Blue Monday“ ist bis heute die meistverkaufteste Maxi Single auf Vinyl. Kein Wunder also, dass die beiden Deutschlandkonzerte in München und Berlin restlos ausverkauft sind.

Support Stolen aus China überzeugen

Der Support Stolen aus Chengdu, China, ist eine Mischung aus Nine Inch Nails, Tears for Fears und Anne Clark und haben das Tempodrom ab der ersten Harmonie im Griff. Der verspielte asiatische Einschlag bringt die Würze in das geradlinige und absolut tighte Konzept der Band, die vollkommen in ihrem Set aufgeht und, unterstützt von avantgardistischen Hintergrundvideos, die locker aus einem Lynch-Film stammen könnten, das Tempodrom in einen kafkaesken Hexenkessel verwandelt. Was für ein Einstand! Es hätte wohl Keinen im Publikum gewundert, wenn Trent Reznor himself aus dem diffusen Licht und Nebel wie Jesus selbst am dritten Tage auferstanden wäre.
Sollten Stolen eine Headlinertour durch Deutschland geben, darf man sich die Mannen um Sänger Liang Yi auf gar keinen Fall entgehen lassen. Auch der sehr gute Content auf Instagram.com/stolen_official schreit nach mehr Followern.

Underground für die Oberschicht
Nach einem viel zu kurzen 30minütigen Set der jungen kreativen Hoffnung aus China, wartet die ausverkaufte Venue auf die Altmeister von New Order.
Die vorherrschende Kleidungsfarbe ist schwarz und der Altersdurchschnitt erwartungsgemäß über 40. Das könnte auch den überteuerten Merchandise erklären, denn ein Shirt für 30€ sind eher jugendfeindlich. Aber was kostet die Welt? Laut Supershirt „8000Mark“ und die hat man hier offensichtlich übrig, wenn man beobachtet, welche Mengen an Fangold über die Ladentheke gehen.

Video killed the Radio Star
Pünktlich um 21 Uhr, zu den Klängen von Wagners Rheingold Overtüre, erscheinen auf riesigen Videoleinwänden ästhetische Zeitlupenaufnahmen von Turmspringern. Spoiler: so frisch sehen New Order, die gemächlich die Bühne betreten, nicht mehr aus. Das ist aber spätestens beim Opener „Singularity“ vollkommen egal, denn das Optische wird durch die Ausstrahlung der Protagonisten zehnmal wettgemacht. Im Hintergrund laufen Szenen aus B Movie Lust and Sound in West Berlin und untermalen stimmungsvoll den Song, was selbstredend in der Hauptstadt noch mehr Gänsehaut verursacht, als anderswo. Dem aufmerksamen Konzertgänger ist dieser Clou freilich bereits auf dem Lollapalooza 2016 aufgefallen. Da heute Abend geschätzte 90% des Publikums das geteilte Berlin noch selbst miterlebt haben, dürfte das Glänzen in den Augen nicht nur durch die Freude über die Band, sondern auch sondern auch wegen der Ergriffenheit der Historie herrühren. Es folgen Restless und Regret , bis der erste von drei Joy Division Songs, nämlich She’s lost control, angestimmt wird. Natürlich reicht die Stimme von Bernard Sumner nicht an die Magie des verstorbenen Ian Curtis heran, aber das Zusammenspiel von Musik, Gesang und nicht zuletzt dem Beat von Stephen Morris sind über jeden Zweifel erhaben. Frenetischer Jubel unterstreicht das Wohlwollen des Publikums, das nun völlig aufgeheizt zu Songs wie „Tutti Frutti“, „Subculture“ (wovon besonders die Gruftis getriggert werden), „your silent Face“ und „Fine time“.

 

Dance like nobody’s watching

Der Klassiker „Bizarre Love Triangle“ klingt zwar in der Coverversion von Frente! schöner, weil die zarte Dame besser intoniert, dafür steckt Sumner sein ganzes Herzblut hinein. Ebenso wie in seine Tanzeinlagen, die frei nach dem Motto „dance like nobody‘s watching“ ihn zwar nicht für die Primaballerina-Rolle im Schwanensee qualifizieren, aber dennoch einem Performance-Tanz nicht im Wege stehen. Und wie singen die Wombats schon? „Let‘s Dance to Joy Division and celebrate the Irony!“ Und das machen ja heute auch irgendwie alle. Der unheilige 13. Song ist dann das langersehnte „Blue Monday“- und das Tempodrom rastet aus! Zum hypnotischen Beat und fast schon antiquaren Computersimulationen auf der Leinwand verschmelzen Publikum und Band zu einer Einheit. Der letzte Song des regulären Sets ist standesgemäß Temptation.

 

Joy Division forever

Doch so schnell lassen die Fans ihre Helden nicht gehen. Noch für zwei Songs kommen New Order zurück auf die Bühne des Tempodroms: als Hommage an den ehemaligen Frontmann Ian Curtis ist die erste Zugabe „Decades“. Bernard singt, im Hintergrund ist Curtis auf der Videoleinwand lippensynchron zu sehen. Als dann der Schriftzug Forever Joy Division eingeblendet wird und die ersten Takte zu „Love will tear us apart“ erklingen, müssen einige Klöße im Hals der Zuschauer stecken- wer hier nicht nostalgisch wird, der hat keine Seele. Die sichtlich zufriedene und gut gelaunte Band winkt noch einmal ins Publikum, bis sich Bernard Sumner stellvertretend mit folgenden Worten verabschiedet:

„Gute Nacht! Auf Wiedersehen! Manchester und Berlin“.

Redaktion: Désirée Pezzetta

Fotocredits: Propeller Music Pressefoto

About The Author

Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

1 Kommentar on "Blue Monday in Berlin- New Order, Tempodrom Berlin, 07. Oktober 2019 Live Review"

  1. Chris

    Ziemlich peinlich, offensichtlich war die Autorin nicht auf dem Konzert. Ceremony, Superheated und Disorder wurden überhaupt nicht gespielt.

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