Rauch doch Naturzigaretten! Im Interview mit Granada

NAW- so könnte man durchaus das bezeichnen, was sich seit einigen Jahren in der deutschsprachigen Musikszene abspielt. Die Neue Austro Welle ergießt sich wie ein Tsunami über die Populärmusik und in wohlklingenden Musikwogen von Bands wie Bilderbuch, Voodoo Jürgens, Flut, Nino aus Wien und ja, auch Wanda, lässt es sich gut surfen. Und dann gibt es Granada, die granatengute Gruppe aus Graz! Binnen kürzester Zeit zum Geheimtipp der Herzen aufgestiegen, hebt sich ihre Musik doch gänzlich aus dem Gros der Österreichischen Bands ab. Eingängige Melodien, von denen sich Franz Ferdinand gewünscht hätte, sie selbst geschrieben zu haben mischt sich mit intelligenten, augenzwinkernden texten in Mundart, die ihren Charme in Kombination mit dem sympathischen Auftreten der Protagonisten live vollends entfalten. Zwei Alben haben die Herren um Thomas Petritsch bereits veröffentlicht und sogar ein Video auf Pornhub geladen. Es besteht also Redebedarf, als Granada auf de m Kosmonautfestival zum Interview kommen. Inmitten eines schattigen Hains treffen wir Thomas und Lukacz. Auf der Hauptbühne im Hintergrund spielt Nura, aber die Beiden sind auf dem Sprung zu Pom Poko. Mit denen haben sie mal auf einem anderen Festival gespielt und man verstand sich gut. Vielleicht spielt aber auch das ausständige T-Shirt, das Granada versprochen wurde, eine Rolle? Erstmal wird aber kollektiv geraucht- die Band raucht Naturtschicks, die Reporterin eine normale Zigarette- es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Ab jetzt also immer die gesunden Öko-Zigaretten fürs Interview mitbringen!

Granada at Kosmonaut Festival (2019)

Gringoz: Erstmal herzlichen  Glückwunsch zum gelungen Auftritt, das war ganz wundervoll! Seid ihr jetzt aus Graz mit dem Bus hergefahren?

Granada: Ja, und morgen früh geht es wieder heim mit dem Bus.

 

Gringoz: Lebt ihr alle in Graz?  Ihr singt ja auch ganz viel über Wien?

Granada: Wir wohnen alle in Graz. Die Songs über Wien sind im Zuge eines Auftrags-Projekts entstanden. Der Regisseur Michael Riebl suchte Musik für seinen Film Planet Ottakring und hat Thomas gefragt. Daher handeln eh ok und Ottakring von Wien. Wir haben auch eine Adaption von Billy Joel, ganz unabhängig davon, die heißt Wien wart auf di.

 

Gringoz: Seid ihr oft in Wien, oder mögt ihr die Stadt eigentlich gar nicht?

Granada: Doch, wir sind schon des Öfteren in Wien, wir haben auch Freunde da. Wir mögen Wien auch gerne, es gibt da keinen Hass oder Neid. Wir haben viele Freunde dort und es ist immer schön. Wien ist auch eine schöne Stadt, aber dort leben… wenn man Gray liebgewonnen hat, zieht man ungern weg.

 

Gringoz: Was sind denn eure Wiener Lieblingslocations?

Lukacz: Ich gehe gern ins Café Kafka, ein kleines Café in einer Seitenstraße der Mariahilfer.

Thomas: Das ist eh so eine verrauchte Bude! Lacht

Lukacz: Ja, aber das hat so einen Magnetismus… in der Nähe des Naschmarkts gibt es noch das Café Einhorn, das ist auch so eine verschrobene Bar, die ich gerne mag.

Granada at Kosmonaut Festival (2019)

Gringoz: Wie erklärt ihr euch, dass moderne Musik in Mundart so populär ist. Immerhin werden auch nicht alle Hörer auf Anhieb verstehen und dennoch ist der Hype um euch überregional sehr groß.

Granada: Das hängt natürlich mit der Energie der Songs zusammen. Oftmals geht es ja weniger um den Text, als um die Musik, zumindest am Anfang. Das ist wie mit englischsprachiger Musik, die Nicht-Muttersprachler selten über die Texte kennenlernen, sondern über den Vibe und den Flow…Der Text kommt mit der Zeit. Das ist bei uns genauso. Viele werden über die Musik zum Text kommen, den man ja auch verstehen möchte, wenn man sich für die Musik interessiert. Wenige kommen vielleicht auch über den Text zur Musik, möglich ist alles. Und durch die Gefühle, die die Musik hervorruft, erklärt sich auch oft der Kontext. Gewisse Phrasen bleiben auch hängen, prägen sich ein und erschließen sich dem geneigten Hörer auf einmal. Ich bin am Sand wird jetzt ein Deutscher per se erstmal nicht verstehen (Anm. der Red: Am Sand sein: in äußerst schlechter Verfassung sein), aber der Song führt einen auf die richtige Fährte. Dialekt ist natürlich auch immer exotisch, das ist interessant.

 

Gringoz: Ihr habt ja unfassbar viele musikalische Einflüsse. Mal klingt ihr wie eine Indieband aus London, dann wieder ganz traditionell, ihr habt die Mundart und das Akkordeon.

Granada: Dass das Akkordeon nur im traditionellen, bayerischen oder österreichischen Volkstum vorkommt, ist ein Irrglaube. Im Balkan, in Südamerika oder im Französischen Chanson ist das Akkordeon ein wichtiger Bestandteil der Populärmusik. Yann Tiersen als großen Namen… Aber auch im Indie: Arcade Fire zum Beispiel, Wir sind Helden, das ist alles noch gar nicht so lange her. Akkordeon ist ja auch nicht gleichzusetzen mit der Ziehharmonika, die man mit dem steirischen Volkstum verbindet. In Wien gibt es das Knopfakkordeon. Harmonika, wieder was anderes… so viele Facetten.

 

Die Granadas reden sich in Rage, mit dem Akkordeon scheint ein einsames Inselwissen angesprochen worden zu sein. Oder sind die Herren etwa studierte Musikwissenschaftler?

Gringoz:  Habt ihr eigentlich was mit Musik studiert?

Granada: Nein, wir sind Herzensmusiker. Wir haben immer viel gespielt und in der Kindheit haben wir auch mal ein bisschen Unterricht genommen. Die Noten können wir auch lesen, aber das meiste war und ist autodidaktisch. Zwei von uns haben zumindest die Theorie gemacht. Musik studieren… das ist ja auch so eine Sache. Das ist nicht so unser Ding.

Granada at Kosmonaut Festival (2019)

Nun ist es aber an der Zeit, mal das Skandalvideo zu Sauna anzusprechen. Es gibt davon  zwei Versionen. Eine zensierte auf YouTube und eine unzensierte auf Pornhub. Solche Schmuddelseiten besuchen wir natürlich nicht, aber die Neugierde ist geweckt!

 

Gringoz: Ich wollte mir ja gerne euer Video zu Sauna anschauen, aber ich hatte Angst, mir einen Computervirus einzufangen. Könnt ihr mir beschreiben, was in dem Video passiert?

Granada: Es gibt explizierte Nacktszenen. Man sieht schöne Körper, die in der Sauna poussieren, in einem schönen Ambiente, nämlich im Kaiserbründl. Das ist ein  historischer Ort, den gibt es schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Jedenfalls: Das Ambiente ist schön, die Menschen sind schön, die Köpfe sind schön…

Gringoz: … die Musik ist schön…

Granada: Die Musik ist schön. Alle lachen. Das spielt auch alles ein bisschen mit dem Schmäh. Und weil die unzensierte Version für YouTube zu freizügig ist, findet man die nun auf einer Pornoplattform. C’est la vie!

Granada at Kosmonaut Festival (2019)

Gringoz; Ihr singt auch: Ich brauch kein Grado und kein Lignano. Mir war gar nicht bewusst, dass diese Orte als Urlaubsziele noch en vogue sind. Ich dachte, da fährt keiner mehr hin.

Granada: Das ist populärer denn je! Wenn man sich anschaut, wer da so hinfährt und wie der Tourismus dort boomt- das ist schon enorm. Auch Kroatien, Istrien, die dalmatische Küste, Dubrovnik. Da sind die Straßen vollgestopft mit Menschen. Gut, jetzt vielleicht auch ein bisschen wegen Game of Thrones aktuell. Und aus Österreich fahren schon viele Leute hin, das ist auch so ein Lokalding. Es ist halt auch nicht so weit. Man ist sehr flott am Meer von uns aus.

 

Gringoz: Finale Standardfragen: Neue Musik oder neue Tour geplant?

Granada: Also Alben haben wir jetzt ja schon zwei, das letzte ist ziemlich genau ein Jahr alt. Mit den Festivals lassen wir es langsam angehen, wir arbeiten uns so vor. Auf Headlinertour waren wir erst im Herbst und Frühjahr, von Rostock bis Passau, da war ordentlich was los. Bei uns läuft auch viel über Mundpropaganda, das nächste Mal wird bestimmt noch mehr los sein, darauf haben wir richtig Laune!

 

Jetzt dürfen Thomas und Lukacz noch das berühmte Gringoz Freundebuch ausfüllen, auftragsgemäß werden Grüße von anderen Musikern ausgerichtet und dann ist der offizielle Teil vorbei. Wir sehen die Band dann noch vor der Bühne beim Auftritt von Pom Poko, die für einen Freitagnachmittag gut rocken. Granada, die perfekte Welle der neologistischen NAW, sind der österreichische Act, den man besser im Auge behalten sollte.

 

Das Interview wurde geführt von Désirée Pezzetta für Gringoz Magazine

Fotocredits: Adina Scharfenberg

About The Author

Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

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