Alle Wege führen nach Abidjan – Interview mit Bonaparte

Tobias Jundt, das Mastermind hinter Bonaparte, hat für den 14. Juni 2019 ein neues Album angekündigt. Was mir passiert heißt es und es unterscheidet sich eklatant besonders von den Frühwerken des Projekts. Monsieur Bonaparte ist nach Afrika gereist, genauer nach Abidjan, hat sich in die dortige Musikszene integriert und die gewonnenen neuen Eindrücke, teilweise mit der Unterstützung von Gastmusikern, auf Platte gepresst. Ich treffe also Tobias Jundt, dessen künstlerisches Schaffen ich seit über zehn  Jahren verfolge, in einem Berliner Hinterhof, um mit ihm über sein neues Album zu sprechen. Es ist ein wunderschöner Sommertag in der Hauptstadt, die Stimmung ist entspannt. Tobias ist schon da und trägt einen auffälligen blauen Tarnanzug. Seine Tochter Ruby ist auch dabei, wie passend, denn die Familie spielt eine zentrale Rolle auf dem Album und immerhin übernimmt das Kind schon zum zweiten Mal kleine Parts auf einem Bonaparte Album. Auf The Return of Stravinsky Wellington hörte man sie bei High five in your face und auf Was mir passiert bei Big Data (neben Bela B. und Farin Urlaub- eine Kollaboration, von der manch andere noch im Erwachsenenalter nur träumen können) und beim letzten Song  Is Ok (Liebe for Life), der aufgreift, was das Leben am Ende so okay ausmacht- nämlich die bedingungslose Liebe.

Da sitzen wir also zu dritt und nachdem Tobias seiner Tochter erklärt hat, was gleich passieren wird, tauchen wir auch direkt in die Materie ein.

Erst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast. Ich habe das neue Album natürlich schon gehört und ich finde es toll. Aber es ist schon was ganz Anderes.

Tobias: Ja, das kann man so sagen

Wir sollten da mal drüber sprechen. Also fangen wir doch ganz von vorne an. Warum Abidjan? Hattest du bereits Connections zu der dortigen Musikszene?

Tobias: Zu Beginn hatte ich einen einzigen Kontakt. Später merkte ich dann plötzlich, dass ich doch schon Einige kannte, von denen ich nicht wusste, dass sie von dort kommen, wie Alpha Blondie zum Beispiel, der lebt ja da, ein Urvater der Abidjaner Musikszene. Oder ein anderer schweizer Produzent, Dodo, der in Abidjan geboren ist- wusste ich nicht! Oder Fatoumata Diawara, die auf Cameroon singt, die zwar in Bamako wohnt, aber auch in Abidjan geboren ist! Irgendwann merkt man so, alle Wege führen nach Abidjan.

Also ich hatte diesen einen Kontakt, den Holländer Isa Azier, der Für ein Plattenlabel arbeitet und nach Abidjan zog und versuchte, sich mit der Szene dort zu verknüpfen. Das hat zwar alles nicht so funktioniert, wie geplant, aber er ist immer noch da, weil ihm das Leben, die Musik und die Szene dort so gut gefallen. Irgendwann meinte er zu mir: „hey, komm mal her!“ Und dann hat mich mein Manager in den Flieger gesetzt, weil er weiß, wie ich ticke…

Jundt überlegt kurz, schweift dann ab und nimmt Bezug auf die Anfänge von Bonaparte. Seit zehn Jahren wohnt er in der Hauptstadt, wovon er auch im Song Neues Leben erzählt. Doch bevor er das aufgreift, erklärt er noch, wie es ihn überhaupt nach Deutschland verschlagen hat.

Tobias: Mit Berlin war es damals für mich ja auch nichts anderes. Ich kam nach Berlin, mit meinem roten Fiat, La Rossa, und wollte auch eigentlich gar nicht hier her. Ich habe die Stadt nicht gesucht. Im Gegenteil, für mich war Berlin schon out, nachdem es in den 80ern und 90ern cool war. Ich bin dann aber eingetaucht und habe reflektiert was hier an Techno und Punk los war. Das habe ich dann zusammengeworfen. Und die frühen Platten waren ja auch ein bisschen elektronisch, aber mit Gitarrengeschrummel. Das war ein Hybrid. Die neue Platte ist ein Hybrid aus Afrobeats, wenn man das so generalisieren will, denn es sind ja verschiedenste Einflüsse aus verschiedensten Ländern und aus modularen Synthesizern die da auch noch nicht wirklich reingehören. Das wird aber sicher noch kommen. Dazu noch deutschsprachiger Gesang. Ich werfe oft Dinge zusammen. Ich beginne etwas zu kochen und gucke dann. Was würde passieren, wenn wir Chili reinwerfen und noch Sauerkraut. So habe ich immer Musik gemacht. Der frühe Bonaparte war natürlich immer auf den Live Moment bedacht. Ich wollte spielen. Und ich habe auch über hundert Konzerte pro Jahr gespielt, also eigentlich physisch gefühlt die ganze Zeit. Und es war herrlich. Das hat sich definitiv mit der Gründung der Familie verändert, die ja auf dieser Platte  zum ersten Mal so richtig thematisiert wird, In „neues Leben“ sage ich sogar 2009. Ich gehe also zeitlich relativ früh in die Bonaparte Geschichte rein. Was danach passiert ist hört man aber auch in der Musik. Sorry we‘re open war bereits ein Konzeptalbum, auf dem es darum ging, dass ich keine neue Platte schreiben und schon gar nicht auf Tournee gehen wollte. Eigentlich war es ein Antikonzeptalbum: Tschuldigung, wir haben immer noch offen. Bei der neuen Platte habe ich gar nicht an Livemomente gedacht. Wir werden das Material spielen im November. Aber wie… das überlege ich mir noch.

Das wäre auch eine Frage gewesen, wie du die neuen Songs live umsetzen wirst- eine Zirkusshow wie zu Too Much und My horse likes you Zeiten bietet sich da nicht so an.

Tobias: Es ist mir sehr wichtig, dass ich einige der Musiker, mit denen ich zusammengearbeitet habe, auch einladen kann live mit mir zu performen. Wir arbeiten noch an den Visas. Klar könnten das auch andere Musiker machen, aber das möchte ich nicht. Das wird natürlich was ganz anderes als ein Punk Trio. Deshalb habe ich jetzt diesen April diese Punkshows gemacht, da warst du ja da. Das wird aber so nicht mehr funktionieren. Lulu Rafano ist im Ruhestand, Molly ist in den USA, Kate ist sehr busy mit ihren eigenen Projekten, Federica könnte noch, die ist jung. Mein Bruder würde wieder mitmachen, wenn alle alten Tänzer dabei wären, aber das geht halt nicht, er versteht einfach nicht, dass Tänzer nicht immer und ewig können. Der ist Glücksspieler, der kann immer! *lacht* Im Sommer mache ich es einfach nur als Trio, das gab es nur in den wirklichen Anfangstagen, noch bevor ich mit Tänzern und Performancekunst gearbeitet habe. Es war so toll im April. Es hat einen kindischen Spaß gemacht, die alten Songs rauszuballern. Tyler Pope von LCD Soundsystem ist halt auch so ein wahnsinniger Bassist, das hatte Magic. Das Punktrio… das ist halt Die Ärzte Formula. *lacht* Gitarre Bass Schlagzeug geht immer.

Stimmt, die Punkshows im April waren eine Reise in die Bonaparte-Vergangenheit. Die alten Songs mit expressionistischem Tanz, in ganz kleinen, stickigen Clubs- so hat man Bonaparte seit den Nuller Jahren nicht mehr gesehen. 

Wobei, gab es da nicht auch dieses andere Punk-Projekt, noch lange zuvor, mit Christian Ulmen? In Beck’s letzter Sommer, Soundtrack von Tobias Jundt, ein Film über einen gescheiterten Musiker, der durch Talentförderung zu spätem Ruhm kommen möchte, gibt es Konzertmitschnitte einer Band mit dem Arbeitstitel Cashpunk.

Aber du hattest doch Cashpunk mit Christian Ulmen, oder war das nur für den Film Beck’s letzter Sommer?

Tobias: Haha, das war totaler Fake, die Band gab es nie!

Word! Aber ich dachte, ihr hättet schon vor dem Film mal zusammen Musik gemacht!

Tobias: Nee, das war alles gefaked! Wir haben das alles bei einem Bonaparte Konzert gedreht. Christian Ulmen und ich hatten nie eine Band zusammen. Wir kennen uns, wir sind Freunde, ich habe auch die dritte Staffel Jerks vertont, das ist alles meine Musik. Das ist aber free Jazz. Der frühe Bonaparte Drummer Moritz Baumgärtner ist dabei, ne Trompete- es ist schon der Bonaparte Kosmos, Müsst ihr mal gucken, die neue Jerks Staffel, die kommt bald! Also wie gesagt, ich mach schon immer mal Sachen mit Christian, es ist alles immer nur halb gelogen.

Tobias grinst schelmisch, es scheint ihm eine diebische Freude zu bereiten, dass der Cashpunk-Clou geklappt hat.

Ha! Also dass Cashpunk nur für den Film war, dachte ich mir, aber ich war mir sicher, ihr hättet wirklich ein Projekt zusammen gehabt vorher.

Tobias: Ja, wir haben es irgendwann auch selbst geglaubt. Tobias lacht herzlich. Man muss den Quatsch nur lange genug behaupten. Klar, ich war auch WIRKLICH Teil der Ramones, ich HABE die Band gegründet, ich habe alle diese Songs geschrieben… aber ich hatte Bühnenangst, deswegen habe ich mich im Hintergrund gehalten. Also wirklich, „Hey Ho“, das ist ein klassischer Bonaparte Song, das hört man doch!

Jundt spielt natürlich auf seinen Track „L’etat c’est moi“ an, in dem er, in ganz bescheidener Bonaparte-Manier, davon berichtet, dass er bei den Ramones war, der fünfte Beatle bei den Rolling Stones, und überhaupt der Allergrößte sei. Die maßlosen Übertreibungen und das Spiel mit Bildern und Zitaten finden sich gerade in den Frühwerken von Bonaparte sehr häufig. Aber auch die neue Platte hat davon einiges zu bieten.

Apropos Intertextualität: Davon gibt es auf der neuen Platte ja ganz viel! Schon alleine das abgewandelte Zappa Zitat auf „Spiel mir das Lied vom Tod“ (Techno ist nicht tot, riecht aber komisch). Wobei das der Munk schon vor dir umgedichtet hatte von Jazz auf Techno.

Tobias: Was, wirklich? Auch mit Techno?

Tobias macht große Augen.

Das ist ja krass, das wusste ich nicht, ich kenne auch Munk nicht. Aber okay, es ist schon naheliegend… für mich bleibt es im Ursprung von Zappa, obwohl er selbst vielleicht auch eine andere Quelle angeben würde.

 

 


In „Weinbar“ zitierst auch Grönemeyer „wann ist ein Mann ein Mann“.

Tobias: Ich habe Herbert auch angerufen und gefragt und er meinte *in Grönemeyer Voice* „jaaa, das finde ich gut! Jaaa, Afrika!“ Auch der Nachgang „wann ist eine Frau eine Frau“ ist so simpel, aber auch gut. Ich habe ja schon immer viel mit Zitaten gespielt. „Is this a gun in your pocket or are you just glad to see me?“ (im Song „WRYGDWYLIFE“) von Mae West. Das haben die Kids nie verstanden. Aber dann hat Blixa Bargeld ein Lied über Mae West gemacht und auf einmal kamen die Leute zu mir und meinten: „Hey, Blixa zitiert dich!“ und ich so: „nee, wir zitieren einfach beide dieselbe Schauspielerin.“

Das ist halt auch der Lauf der Zeit, dass manche Dinge nicht mehr so präsent sind im kollektiven Gedächtnis

Tobias: Und das ist auch gar nicht schlimm. Wenn ich in meiner Rolle als Ghostwriter mit so 18 Jährigen zusammenarbeite, die verstehen Beatles, Bowie, die Stones gar nicht mehr. Gleichzeitig kenne ich aber auch nicht alle Trap oder Cloud Rap Künstler. Da könnte ich mir auch an die eigene Nase fassen. Sag mal noch ein paar Zitate vom Album!

Na dich selbst zum Beispiel! Bei „Big Data“ hast du „Computer in Love“ und „Blow it up“ eingearbeitet.

Tobias: Ja, da zitiere ich mich tatsächlich mehrfach selbst, weil ich ja auch Big Data bin. Aber du kennst auch alles und hörst deshalb vielleicht genauer hin, als andere.

Als Ruby „Big data“ hört, fängt sie an zu strahlen und mit größter Freude flüstert sie ihrem Vater ein Geheimnis von den Aufnahmen ins Ohr. Tobias Jundt hört aufmerksam zu und lacht, lobt seine Tochter für diesen Move und wendet sich dann zu mir.

Also Ruby singt ja auf „Big Data“ auch mit und hat mir gerade verraten, dass sie in den Backing Vocals in Wahrheit gar nicht Big Data singt, sondern „Big Dada“, weil ich ihr Dada bin, ihr Vater. Dabei bin ich doch nur 1.63m *lacht*. Aber mach mal weiter, was hast du noch so gehört?

Was mir passiert ist die erste Bonaparte Platte, bei der ich mich auch an andere Künstler erinnert gefühlt habe. „Weinbar“ klingt ein bisschen nach Peter Heppner.

Tobias: Noch nie gehört, schick mir das mal!

Der hat früher auch mal was mit Joachim Witt gemacht, so ein bisschen gruftimäßig.

Tobias: Ja, das liegt vielleicht auch an dem langen Melodiebogen. Das könnte auch von Manu Chao sein *singt*.

Ich finde, es sind immer so Akzente. Ein bisschen nach Knef klingt es auch. Wobei, da hast du doch mal was zusammen mit Bela B. gecovert.

Tobias: Das war einfach ein Text aus ihrer Schublade und wir haben ein Lied draus gemacht. Ein Text auf einem Stück Schreibmaschinenpapier, den hat sie nie gesungen. Bela und ich haben dann die Musik komponiert. Aber das ist auch eine gute Anekdote! Mensch, heute lassen wir aber einige Bomben platzen!

Und „was mir passiert“ klingt schon auch nach Bilderbuch.

Tobias: Ja, ich zitiere sie ja sogar! Mein Haus aus Stroh ist ja mein Bungalow. Ich habe aber Alokos für die Late night Show. Weil das Essen in Abidjan besteht meistens aus Aloko, also die Kochbanane, Reis, dann immer Fisch oder Hähnchen- Vegetarisch ist eh immer schwierig, wie so oft auf reisen. Vegetarismus ist eine Krankheit. Dem früheren Keyboarder von Bonaparte, Uri, mussten wir immer ein Schild basteln: Kann kein Fleisch essen. Alle waren sehr betroffen, weil der Arme eine Fleischallergie hat.

Tobias lacht kurz, man sieht ihm an, dass es schöne Erinnerungen sind, in denen er schwelgt. Dann wird er wieder ernst.

Tobias: Ja, was mir passiert ist textlich der heikelste Song. Er spielt mit Klischees. Nicht der Refrain, der ist eine große, ernste, schöne und wichtige Aussage. Im Moment zu leben und das zu wollen, was mir gerade passiert, ohne alles krass durchzuplanen. Diese Erwartungshaltung abzuschaffen. Der Refrain ist wichtig, deswegen ist er auch der Titel der Platte, die Verse hingegen sind alles Klischees. Natürlich sind die auch ein Stückweit begründet. Warum assoziiert man Schweizer mit Uhren und Käse? Weil wir das draufhaben. Wir sitzen im Keller auf einem Sack Geld, schrauben an Uhren rum und essen Käse. Stimmt schon.


In „Boycott everything“ hast du ja auch jede Nation schon mal auf das Wesentliche runtergebrochen.

Tobias: Ja, sehr richtig. Im aktuellen Fall ist es schon heikel, weil ich eine Afrika-Romantik beschwöre. Als wäre das Leben da unten total easy. Mit einer Romantik zu spielen ist immer gefährlich, in allem. In der Liebe, der Politik und im Leben. Wir fuhren dann so im Taxi, wir haben alle den Song gehört, aber die anderen haben natürlich den Text nicht verstanden. Man kann sich jetzt natürlich streiten, ob das gut ist, in so einer klischeebehafteten Art zu singen. Aber der Rest der Platte ist ja nicht so. Ich mag es, mit Ironie und Klischees zu spielen. Natürlich gibt es Leute, die sagen, das kann man jetzt nicht so machen, weil Bilder generiert werden, von denen man wegkommen will. Der Song ist auch einer aus der dritten Phase der Produktion. Es gibt Songs, wo eigentlich nur noch meine Stimme übrig ist vom ursprünglichen Demo. Das ist bei „Chataeu Lafite“ so, da spürt man weniger von mir. Da gibt es die Sachen diese krasse Hybride zwischen meiner Welt- Synthesizer, Sound. Aber Produzenten aus Afrika. Das wären dann zum Beispiel „Warten“ oder „Cameroon“, „Ich koche“. Da zahnen zwei Welten ineinander. Songs wie „Was mir passiert“ oder „Ja ja“, das bin 100% ich, in meiner Kammer und imitiere Eindrücke. Wie bei der Too Much-Platte, ich bin ganz alleine, nehme auf und komponiere in der Stimmung, die ich aufgesogen habe. Das klingt dann etwas verdeutscht, weniger wild.

Das ist mir tatsächlich aufgefallen, dass die Tracks, die in Afrika produziert wurden, wie du gerade sagtest, schon den treibenderen Beat haben.

Tobias: Ich hätte eine Afrobeat oder Abidjan Platte machen können, die richtig punkig geworden wäre. Aber dann wäre die so abgefahren geworden… hör dir mal DJ Arafat an. Das ist punkiger als jeder Punk. das ist so rotzig und räudig, wäre aber für diese Platte too much gewesen.

Gibt es denn too much bei Bonaparte?

Tobias: Gute Frage. Ich muss eh überlegen, was ich als Nächstes mache. Vielleicht wirklich mal was total Abgefahrenes.

Du hast selbst gesagt, dass du sehr viel von dir gibst auf der neuen Platte, dass sie sehr persönlich ist. Schlummert das schon immer in dir, diese Seite von Bonaparte? Früher war deine Musik schon sehr weit weg von dir selbst, sehr distanziert.

Zum ersten Mal während des Interviews wird Tobias Jundt ganz nachdenklich und überlegt angestrengt.

Tobias: Das hat sich auf der letzten Platte schon angekündigt. die war aber noch nicht so nah dran. „Melody X“ war auch nur eine Geschichte, die ich erzählt habe, in der dritten Person. Ich musste wieder eine eigene Sprache finden, mit dem Deutschen. Hätte ich da einen früheren Bonaparte gemacht, klänge ich wie Deichkind. Das macht Spaß, das ist Party, aber ist natürlich total unpersönlich. Das wollte ich nicht. Es ist schwierig, entweder man landet bei Bands, die man schon kennt oder die Melodie wird ein Schlager.

Jundt spricht auf einmal lauter, man merkt ihm an, wieviel Herzblut und auch Nerven das neue Album gekostet haben.

Ich habe mich fast getötet wegen der deutschen Sprache! Die ganze Thematik in Abidjan musikalisch und persönlich war nie ein Problem. Aber die deutsche Sprache war hart. Rauszufinden, wie Bonaparte auf Deutsch sein darf. Ich kann ja Deutsch sprechen, aber das ist etwas ganz anderes als deutsche Songs zu schreiben. Ich muss aufhören mich zu fragen, was irgendwer anders denkt, weil ich weiß warum ich mit Bonaparte begonnen habe. Ich wollte das machen, auf was ich im Moment Bock habe. Das Image von Bonaparte ist dann gesund, wenn ihr keine Ahnung habt, was als Nächstes kommt, aber euch darauf freut

„Apotheke, Apotheke“ und „Jaja“ haben schon ziemliche Trap Anleihen. Hörst du Trap auch privat?

Tobias: Nicht zwingend, aber es ist ja allgegenwärtig. Ich finde es schön, dass mal wieder andere Tempi und Gefühle möglich waren. Dass ein Song aus Mood und Vibes bestehen kann und nicht ein klassisch aufgebautes Stück sein muss. Wenn ich im Studio mit Künstlern arbeite -ich mache ja sehr viel Ghostwriting und Ghostproduction, ist da natürliche die Hälfte Trap. Bei Apotheke habe ich bewusst vesucht, den Trap rauszuhalten, weil es eigentlich ein wahnsinnig guter Trap Song gewesen wäre. Ein klarer Hit.

Also ich finde es immer noch total vertrapt.

Tobias: Ich habe es wirklich versucht rauszunehmen. es ist ja fast kein Beat mehr da. die Snare fehlt sogar, es ist nur noch Bassdrum und Musik.

Stimmt schon, es sind vor allem Flächen, aber den Trap bekommst du nicht ganz raus. Schon wegen der Thematik des Songs.

Tobias: Ja, sehe ich auch so. Der Text ist total Trap. Drauf sein, das Gefühl zu haben, nicht in diese Welt zu passen. Also als richtiger Trap Song wäre das ein sicherer Hit.

Monsieur Bonaparte wendet sich zu seiner Tochter und fragt sie, ob sie dieses Gefühl auch kennt, nicht in die Welt zu passen, mit allem zu hadern. Tut sie nicht, wie schön, wenn das Kindliche noch nichts von der Bosheit der Welt weiß. Tobias Jundt wird auf das Freundebuch aufmerksam, das Bands traditionsgemäß am Ende eines Interviews ausfüllen, und überlässt seiner Tochter die Komplettierung an seinerstatt. Nach einer kurzen Erklärung des Konzepts geht es mit dem Interview weiter.

Sag mal, was ist eigentlich deine Lieblingszeile auf dem Album? Meine ist „Ich liebe dich für alle bitcoins dieser Erde“.

Tobias: Ha, zu „Warten“ haben wir ein Video gemacht, voll nebenbei. Total low budget, auch wenn es nicht so aussieht. Zwei Leute mit jeweils einer Kamera haben gefilmt und wir haben es dann einfach zusammengeschmissen. Von der Idee her ist es wohl „Was mir passiert“. Aber auch sowas Bescheuertes wie: „23 Gänge – Tesla hat nur einen“ (aus: Ich koche). Ins Herz geschlafen ist auch ein Song, den ich sehr mag. „Ich will nur noch das was mir passiert, aber das will ich wirklich“, das finde ich schon am Prägnantesten. Aber wäre jetzt auch irgendwie unfair, wenn ich eine Zeile rauspicken würde. Hast du die Tracks da? Ich muss da mal in mich gehen.

 

 

 

 

Tobias Jundt scrollt durch die Trackliste des Albums, hält inne, schüttelt den Kopf, scrollt weiter, seufzt und gibt auf.

Nein, ich kann da nichts rauspicken.

Ach, es ist doch keine Schande, alles gut zu finden.

Tobias: Ja, oder halt alles scheiße. *lacht* Bei Apotheke gibt es auch so viele Zeilen, die ich total mag. Der ganze Text, das ganze Feeling… „Anti Antihistamin“…

Sein Blick schweift ab, es dauert einen Moment, bis er mir wieder zugewandt ist.

Siehst du deine Zukunft an einem Ort oder möchtest du lieber im Diplomatenstyle alle paar Jahre mit Sack und Pack deinen Wohnort wechseln, um neue Inspiration zu finden?

Tobias: Die Frage mit Sack und Pack ist leider ist nicht ganz so einfach heutzutage. Aber ich werde sicher nicht immer an einem Ort sein. Ich lebe zwar immer noch in Berlin, war aber in den letzten zwei Jahren trotzdem oft in Abidjan. Das geht ja auch.

Und was kommt als nächstes? Indien?

Tobias: Hast du gerade Indien gesagt? ich hab‘ grade wirklich an Indien gedacht! Haha, das ist ja krass! Ja, warum nicht? Aber vielleicht vorher noch mal nach Afrika oder den Südiran, weil da Afrika noch einen Einfluss hat. Oder Äthiopien. Die Middle East Thematik interessiert mich sehr, da ist man musikalisch richtig am Anschlag, das ist für mich fast nicht verständlich… wunderschön! Japan war immer ein Thema, genauso wie Indien.

Aber jetzt kommt erstmal ein Soundtrack zu einem Kinofilm, aber ich verrate nicht, zu welchem.

Die Zeit ist um, das nächste Interview wartet schon, ein Podcast. Wir werden gebeten uns zu beeilen, also machen wir in Windeseile noch trashige Fotos vor einer alten Vespa, die wie bestellt in diesem Hinterhof steht und dann ist es auch schon vorbei. Was für ein Ritt! Und trotzdem bleibt Vieles noch im Verborgenen, wahrscheinlich hätte ein Tag nicht ausgereicht, um alle Facetten hinter der neuen Platte zu beleuchten. Und weil Der Kaiser so gerne Zitate für sich neu moduliert gehört der Abschluss im weitesten Sinne Herrn Brecht: Wir stehen selbst, seh’n leicht betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen  

 

Das Interview wurde geführt von Désirée Pezzetta

Fotocredits: Désirée Pezzetta

 

 

About The Author

Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

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