Touren sind Creative Holidays – Im Interview mit Soen

Soen, die Progrock Pioniere aus Schweden, sind längst mehr als ein Geheimtipp. Irgendwo zwischen Tool und Pink Floyd haben es sich die ehemaligen Mitglieder von Opeth, Amon Amarth und Willowtree gemütlich gemacht und sorgen seitdem in ihrer aktiven Phase für großes Aufsehen innerhalb der Szene. Ihre rar gesäten Konzerte sind oftmals binnen kürzester Zeit ausverkauft. Aktuell sind sie mit ihrem neuen Album Lotus auf Tour, was sie auch nach Berlin ins Roadrunner’s Paradise verschlägt. Wir haben die Fünf vor ihrem Auftritt getroffen und ein wenig zum neuen Album und ihren weiteren Plänen befragt.

 

Gringoz: Zuallererst einmal herzlichen Glückwunsch zum neuen Album, wir finden es sehr gut gelungen! Warum habt ihr es Lotus genannt? Was bedeutet Lotus für euch?

 

Joel Ekelöf: Es ist eine wunderschöne Blume, die aber in einer rauen, dunklen Umgebung wächst, das passt ganz gut zu unserer Musik. Und vielleicht auch die Tatsache, dass immer etwas Positives aus dem ganzen Elend entstehen kann.

 

Gringoz: Könnt ihr mir etwas zum Entstehungsprozess Von Lotus sagen? Der unterscheidet sich ja ein wenig von den Vorherigen.

 

Martin Lopez: Der Unterschied ist, dass wir bislang unsere Alben immer selbst produziert haben, also die ersten drei Alben wurden von Soen produziert. Wir wollten da einfach die Kontrolle über den Prozess behalten. Aber diesmal hat David Castillo das Album produziert, weil wir das Gefühl hatten, ihm und seiner Arbeit vertrauen zu können. Somit war er ab dem ersten Tag in den Produktionsprozess eingebunden und das ist in der Tat neu für uns.

 

Gringoz: War es hart für euch, zumindest am Anfang, die Kontrolle abzugeben?

Joel Ekelöf: Es war schon ein großer Schritt.

Martin Lopez: Aber so richtig haben wir sie eigentlich nie abgegeben. In technischer Weise schon, aber wir waren auch die ganze Zeit dabei. Es gab keine großen Überraschungen, da wir alle die gleiche Vision davon hatten, wie das Album klingen sollte. Es war mehr eine inspirierende Kollaboration.

Soen veröffentlichten ein Video zu einem der Songs auf dem neuen Album. In diesem Videoclip zu Martyrs sieht man Transvestiten durch eine Stadt ziehen, sieht, wie die Gruppe, die immer größer wird, Spaß hat, aber auch in Konflikte mit heterosexuellen Männern gerät, die sich von dem Anblick der Dragqueens gestört fühlen. Die starke Aussage des Videos, zusammen mit der Kontroverse, die es auslöste, war genug Grund, um die Band nach ihrer Meinung zu fragen.

 

Gringoz: Ihr habt kürzlich ein Video zu Martyrs veröffentlicht, das für einigen Aufruhr gesorgt hat- und das im 21. Jahrhundert! Jeder predigt Gleichheit und dann entfacht euer Video so eine Kontroverse.

 

Joel Ekelöf: Wir waren schon ziemlich überrascht, dass es überhaupt eine Kontroverse gab, weil wir nicht dachten, dass es so ein großes Thema sei. Im Grunde sind es einfach nur ein paar Typen, die sich wie Frauen anziehen und eine gute Zeit haben. Das ist eigentlich nicht wirklich kontrovers. Weißt du, manche Leute interpretieren da ne Menge rein- das war nicht mal unsere Absicht. Wir sind keine politische Band. Wir dachten halt, das ist interessant, das könnte ein gutes Video werden.

 

Gringoz: Wer hatte denn die Idee zu dem Video?

Martin Lopez: Wir erinnern uns gar nicht mehr! *lacht* Aber als es dann soweit war, waren wir alle sofort überzeugt. Diese starken Charaktere haben uns überzeugt. Das Video wurde in Montevideo, Uruguay gedreht. Wir haben die Typen auf der Straße getroffen.

 

Gringoz: Das Video zu Lotus ist aber auch schnieke. Mit seiner Animation erinnert es mich doch ziemlich an die Lateralus-Phase von Tool. Wer hat das Video gemacht?

Martin Lopez: Das war ein rumänischer Künstler, er macht ganz viel, hat eine Band, macht Videos und Kunst. Weil ihm der Song und die Lyrics gefallen haben, kam die Zusammenarbeit zustande.

Gringoz: Bei Opponent vom neuen Album musste ich schlucken. Geht der Song um Selbstmord? Leider ist das ja ein recht aktuelles Thema. Glaubt ihr Depression und Lebensmüdigkeit ist die Krankheit unserer Generation?

Joel Ekelöf: Das entsteht aus Frustration. Die Menschen können sich nicht mehr in der Welt orientieren und sind durcheinander.

Martin Lopez: Ich glaube nicht, dass die Selbstmordrate heute höher als vor 30 Jahren ist, nur jetzt sprechen wir endlich über geistige Gesundheit, was vor Allem unter Männern immer ein riesiges Tabuthema war und als Schwäche gesehen wurde. Aber es ist halt nun mal eine Krankheit wie jede andere.

 

Gringoz: Habt ihr einen Lieblingssong auf dem neuen Album?

Martin Lopez: Wir haben alle verschiedene, die sich immer wieder ändern.

Joel Ekelöf: Ich habe keinen!

Martin Lopez: Du hasst sie einfach alle! *alle lachen*

Aktuell glaube ich ist es einer von den Songs, die wir nicht live spielen…. Ich sag mal. River.

Lars Åhlund: Meiner auch!

Martin Lopez: also das geht nicht, du musst einen anderen nehmen! *lacht*

Stefan Stenberg: meiner ist auch River!

Martin Lopez: warum spielen wir ihn denn dann nicht? Und warum haben wir kein Video dazu gedreht?

Lars Åhlund: Da ist zu viel Keyboard dabei! Zu viele Plug-ins!

Joel Ekelöf: und die Geigen noch dazu… Streicher mit auf Tour zu bringen ist wirklich die Hölle.

Gringoz: Und ihr arbeitet auch nicht mit Samples, richtig? Bei euch ist alles live!

Martin Lopez: Das ist korrekt. Es ist so leicht zu Bescheißen, aber das ist nicht unser Stil.

 

Gringoz: Ihr habt ein neues Bandmitglied, euren Gitarristen Cody! Cody, wie ist es so mit der Band?

Cody Ford: Es macht echt Spaß, wir sind wirklich wie eine Familie! Sie schlagen mich auch jeden Abend… *lacht* nein, natürlich nicht. Ich fühle mich als Teil der Band, mir taugt die Musik- für mich ist es ein perfect match.

Gringoz: Ihr habt ein tolles Artwork für die neue Platte. Bringt ihr ein bisschen von diesen Visuals mit auf die Tour?

Martin Lopez: ja, soviel unser Budget hergibt. Wir haben eine nette Lightshow und Screens. Aber Pyros wird man nicht finden, bei uns geht es um die Musik.  Darin sind wir gut und das zählt am Schluss. Uns ist ein astreiner Sound wichtiger, als große Effekte. Aber du wirst es ja gleich sehen.

 

Gringoz: Mal mit einem Augenzwinkern: Seid ihr sehr traurig, dass Tool euch nicht gefragt haben, ob ihr deren Tour Support für Europa sein wollt?

Joel Ekelöf, wie aus der Pistole geschossen: Ja… *alle lachen*

Martin Lopez: Wir können nicht aufhören zu weinen!

Gringoz: Ich denke, ihr hättet das toll gemacht, aber vielleicht hatte Herr Maynard Angst, dass ihr ihm die Show stehlt!

Joel Ekelöf: Er hat schon meine Frisur geklaut!

Martin Lopez: Die Leute hätten gar nicht mehr gewusst, wer wer ist!

Gringoz zum Sänger: Du bist der Freundliche ohne den Weinberg- oder hast du einen?

Joel Ekelöf: NOCH nicht… *lacht*

Gringoz: Letzte Frage. Auf eurer jetzigen Tour spielt ihr regelmäßig vor ausverkauftem Haus, wenngleich auch in kleinen Clubs. Dürfen sich Fans auf eine größere Tour in naher Zukunft freuen?

Martin Lopez: Ich denke nicht… Touren soll Spaß machen und wir haben Spaß, weil wir es nicht so oft machen. Wir haben alle Familie und andere Prioritäten. In der Band können wir kreativ sein, unsere Kunst ausleben und was wir am Meisten Lieben… aber das ist alles zweitrangig. Wir ziehen es vor, ein kleines Leben zu haben, anstatt einer großen Band. Um glücklich zu sein, muss man auf der Bühne stehen, weil man es will und nicht, weil man es muss und damit sein Geld verdient. Das ist unsere Einstellung und deswegen können wir jetzt noch gar nicht sagen, ob wir dieses oder nächstes Jahr nochmal auf Tour gehen werden. Das wird sich zeigen. Aber wenn, dann kommen wir auf jeden Fall nach Berlin, weil es echt eine tolle Stadt ist!

Lars Åhlund: Wir gehen nicht auf Tour um zu saufen. Wir nehmen das auch echt ernst und wollen den Fans das Beste geben, was wir können. Wir können das alles nur so machen, weil wir echt viel Zeit investieren, aber permanent- dann hätten wir kein Leben mehr. Es braucht einfach auch einen Ausgleich.

Gringoz: Vielen Dank für das Interview!

 

Nach dem Interview geht es für die Band direkt auf die Bühne. Nachdem die beiden Supportbands Wheel und Ghost Iris (letztere wollen nicht so recht ins Line Up passen, sind aber dennoch ein Paradebeispiel für guten Metcalcore) den Abend eröffnet haben, fällt der imaginäre Vorhang für Soen. Das restlos ausverkaufte Roadrunner’s Paradise, einem wirklich netten Schuppen in der Hauptstadt, der dem ein oder anderen schon von Sludge und Stoner-Gigs bekannt sein dürfte, jubelt verzückt, als die Band die Treppen zur Bühne hinabgehen. Besonders gefeiert werden Drummer Martin und Sänger Joel. Beide sind ohne jeden Zweifel die Zugpferde der Gruppe. Joels Gesang ist lupenrein und mit seinen facettenreichen Details belebt er die sowieso schon komplexen Stücke zusätzlich. Die Hingabe, mit der er jeden einzelnen Track performt, überträgt sich auf das Publikum, das förmlich an den Lippen des Frontmanns hängt. Aber Soen ist eine homogene Gemeinschaft, wie sie bereits beim Interview bewiesen haben. Kaum eine Band kommt geschlossen zu einem Interview und lässt jeden zu Wort kommen. Soen sind aber nun mal eine besondere Gruppe, und so haben auch Gitarrist und  Keyboarder Lars sowie der Neuzugang Cody ihre großen Auftritte während des Sets. Gerade Cody weiß wirklich zu beeindrucken. Er bringt die Kaltschnäuzigkeit mit, schnelle Riffs fehlerfrei abzuliefern und könnte im nächsten Moment bei Pink Floyd anheuern, wenn er von der harten Gangart in die psychedelischen 70er abdriftet. Bassist Stefan Stenberg bereichert die flächige Soundlandschaft in höchstem Maße und Drummer Martin Lopez ist sowieso über jeden Zweifel erhaben und wohl einer der besten Trommler der Szene. Das verzückte Publikum feiert bis zum Schluss jeden Song, jede Hook und jedes Riff und nach der dritten Zugabe sind alle glücklich, zufrieden und euphorisch. Wer möchte, kann nach dem Konzert noch einige Worte mit der Band wechseln, die sich nicht zu schade ist, sich unter ihre Fans zu mischen und den Abend gemütlich ausklingen zu lassen. Soen ist eine Band, die sympathisch, professionell und dabei menschlich geblieben ist. Wer die Möglichkeit hat, die Jungs live zu sehen- von uns gibt es eine ganz klare Empfehlung!

 

Das Interview wurde geführt von Désirée Pezzetta

Fotocredits: Benjamin Ostarek (Metaltute)

About The Author

Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

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