Die Entdeckung der Langsamkeit- The Slow Show, Berlin, Silent Green, 13.April 2019 Live Review

 

The Slow Show gelten in Deutschland noch immer als Geheimtipp. Auch ihre Live Auftritte sind selten, was die Tickets zu ihren Konzerten rar und heiß begehrt macht. Nach einer längeren Pause meldete sich  „Manchester’s most un-Manchester band“ mit einem zauberhaften Konzert in ihrer Heimatstadt kurz vor Weihnachten 2018 zurück. Bei diesem Auftritt im imposanten Royal Exchange Theater konnten die Fans, die aus ganz Europa zu dem Event angereist waren, bereits einen Vorgeschmack auf das neue Album Lust and Learn, das Ende August 2019 erscheinen wird, bekommen. Als dann auch noch ein exklusives Deutschlandkonzert für den 13. April in Berlin angekündigt wurde, war die Sensation für die hiesigen Fans perfekt.

 

The Slow Show stehen, wie der Name schon sagt, nicht für fetzigen Rock n Roll, sondern für langsame Songs zwischen Liebe, Tod und Teufel. Die außergewöhnliche Stimme des schmächtigen Sängers Rob Goodwin bestimmt die Atmosphäre und gibt der Band ihren unverwechselbaren Charakter. Nachdem die ersten beiden Platten noch bei Haldern Pop Records veröffentlich wurden, wechselte man zwischenzeitlich zu PIAS Recordings. Pünktlich zum Berlinkonzert, das am für Vinylsammler heiligsten Tag, dem Record Store day, stattfindet, gibt es auch die neue Single Sharp Scratch zu kaufen.

 

Nachdem der Abend von Lou Stone eröffnet wurde (Anspieltipp: Sally und Fire)  betreten unter frenetischem Applaus The Slow Show die kleine Bühne im Silent Green. Ab der ersten Sekunde haben die Briten die Zügel in der Hand und performen ihre Songs auf eben jene unvergleichliche Art und Weise, die diese Band ausmacht. Dynamisch und intensiv, mit einem Maximum an Gefühl und Hingabe funktioniert das Quartett (In Manchester waren noch Bläser und eine Sängerin zur Verstärkung dabei, die heute jedoch fehlen) im Silent Green. Das Bühnenlicht wechselt zwischen Blau und Pink, hier und da ein Tupfer rot, immer etwas gedämpft und nie übertrieben. Rob Goodwin bleibt die gesamte Show über barfuß. Er trägt eine Schirmmütze, ein Unterhemd und einen fast bodenlangen Mantel. Er dankt dem Publikum oft und lange, erzählt, dass ihm das früher, als man sich noch bemühte, cool zu sein, schon mal zum Vorwurf gemacht wurde, aber cool werde man sowieso nicht mehr, also was soll der Geiz. Rob spricht auch über die neue Platte, wieviel sie der Band bedeutet und wie glücklich sie mit dem Outcome sind. All das tut er in einer bescheidenen, sympathischen Art und mit seiner wundervollen Stimme. Ja, diese Stimme… Rob Goodwin singt die Songs nicht im klassischen Sinne, es ist eher eine Art Sprechgesang mit einfachen Harmoniefolgen und getragen von den zarten Melodien seiner Mitstreiter Frederik, Joel und Chris.  Gefangen im Wunder des Augenblicks vergeht die Zeit wie im Flug, während die Band Songs wie Dresden, Flowers to burn, Hurts, die neue Single Sharp Scratch und natürlich auch als letzte Zugabe Ordinary lives zelebriert. Bei manchen Fans sieht man Tränen fließen, wiederum andere strahlen vor Begeisterung- emotional ist es für alle. The Slow Show sind zwar keine Bierzeltband, aber wer glaubt, dass es ruhig vor sich hinplätschert, liegt falsch. Es ist langsam, aber es ist durchaus eine Show und spätestens wenn Drummer Chris aus sich herausgeht und an seinem Instrument zaubert, entfaltet sich die volle Wirkung von The Slow Show– nie wehleidig, immer sanftmütig und trotzdem nachdrücklich.

 

Die Location an diesem Abend ist ein ehemaliges Krematorium im Berliner Stadtteil Wedding und Teile des Publikums scheinen sich auch schon körperlich und geistig mit den Räumlichkeiten vertraut zu machen. Etliche der Anwesenden scheuen nicht davor, Jacken, Taschen, Gläser und Flaschen auf  der niedrigen Bühne abzulegen. So intim die Atmosphäre auch sein mag, das ist doch zu viel des Guten und auch gegenüber den Künstlern sehr respektlos. Ebenso wie die Hobbyfotografen und –regisseure, die konstant während des ganzen Konzerts aus den ersten Reihen mit digitalen Kompaktkameras und Handys  filmen, sowie mit Blitzlicht fotografieren. Nur Sekunden nach Ende des Konzertes scheuen einige Gäste keine Mühe und verschieben eifrig Monitorboxen und Equipment, um sich wie die Geier über die auf der Bühne klebenden Setlists herzumachen. Schade für die Ausführenden, dass diese Eindrücke dem ansonsten hervorragenden Konzert einen faden Beigeschmack verleihen.

 

The Slow Show haben weitere Konzerte für den Herbst in Deutschland angekündet. Die Band lohnt sich sehr, sie sind ein Faszinosum, das jeden Musikfreund entrückt sowie entzückt und wenn das Publikum mitmacht, kann ein Auftritt der Engländer zu einem unvergesslichen Erlebnis werden.

 

Redaktion und Fotocredits: Desiree Pezzetta

About The Author

Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

Keine Kommentare on "Die Entdeckung der Langsamkeit- The Slow Show, Berlin, Silent Green, 13.April 2019 Live Review"

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.