L’etat c’est moi – Bonaparte, Desi Nürnberg, 06. April 2019, Live Review

Kniet nieder, der Kaiser ist wieder in der Stadt! Monsieur Bonaparte und seine Band gastieren heute in der Nürnberger Kultlocation Desi, ein kleiner linker Schuppen, idyllisch zwischen Bäumen und nahe eines Parks gelegen. Mit ein bisschen Fantasie weht hier ein Hauch der legendären Bar 25 in Berlin, die als Sammelbecken Kreativer, Künstler und Freigeister bekannt geworden ist. Auch Tobias Jundt aka Bonaparte hat dort viel Zeit verbracht und widmet dem längst vergangenen Juwel an der Spree sogar eine Songzeile: „Do you wanna party with the Bonaparte at Bar 25?“ Heute jedoch sind erstmal die Franken dran und die Temperatur in der Desi steigt bereits vor dem Konzert beträchtlich an. Ausverkauftes Haus, das bedeutet um die 200 Besucher, kein Bühnengraben, Hauslicht- so intim wird man Bonaparte wohl nicht wieder so schnell sehen. Die Größe dieses und der anderen Clubs auf der Teaser-Route zur großen Tour im Spätherbst ist absichtlich klein gewählt. Unter anderem das Hafenklang in Hamburg, Lido in Berlin und das artheater in Köln stehen auf dem Programm. So ist es nicht verwunderlich, dass die Gigs innerhalb kürzester Zeit restlos ausverkauft waren.  Jundt, der gerade die  Aufnahmen seines für Juni angekündigten neuen Albums Was mir passiert beendet hat, verriet im Vorfeld, die Shows würden etwas ganz Besonderes werden. Back to the roots, mit allen Konsequenzen. Dies spiegelt sich auch in der Setlist wider, die wenig vom letzten Album The Return of Stravinsky Wellington, dafür umso mehr Tracks der Frühwerke Too Much und My Horse Likes You beinhaltet. Auch die Bläser, die zuletzt das Liveensemble unterstützt haben, fehlen diesmal. Sie hätten auch gar keinen Platz auf den kleinen Bühnen gehabt.

 

This ship is in quarantine

Nun gibt es bei Bonaparte nur zwei Extreme: Love it or hate it. Das Spektakel auf der Bühne trifft nicht Jedermanns Geschmack, aber wer sich darauf einlässt bleibt zunächst sprachlos, dann fasziniert zurück. Die Gäste am heutigen Abend scheinen zum größten Teil bereits über Bonaparte Liveerfahrung zu verfügen und postieren sich zeitig am Bühnenrand. Die Stimmung ist schon vor Konzertbeginn gelöst und positiv, Anekdoten vergangener Gigs werden ausgetauscht und geteilte Vorfreude ist ja bekanntlich auch die schönste Vorfreude. Kein Wunder, dass einzelne Fans extra aus Russland angereist sind. Der respektvolle Umgang miteinander, auch während der Show und dem damit einhergehenden fortwährenden Pogo, war schon immer etwas Besonderes bei Bonaparte Konzerten und auch heute ist das nicht anders, als die Band die Bühne betritt und es im Publikum kein Halten mehr gibt. Energetisch wie immer ist der „kleine freche Wuselmann“ von der ersten Sekunde an überpräsent, lässt aber noch Raum für Drummer Wouter Rentema und Bassist Tyler Pope (Gründungsmitglied der legendären LCD Soundsystem). Als dann die Performance Tänzer Lulu Rafano und Federica Dauri das Ensemble des Abends vervollständigen, ist die Bona-Party komplett.

 

Zero, one, one, zero, one, one, one, got it?

Musiker, die auch noch nach über einem Jahrzehnt Bock auf ihren „Job“ haben und nicht in Routine verfallen strahlen immer eine gewisse Faszination aus und bei Bonaparte ist das definitiv der Fall. Das Publikum feiert die alten Hits wie Anti Anti oder Too much ebenso wie die brandneue Single Big Data, die in der Studioversion Features von Bela B. und Farin Urlaub beinhaltet. Wenn diese Beiden mal nicht im Lido in Berlin dabei sein werden… schließlich war die Beste Band Der Welt schon Support der allerbesten Band der Welt, als vor ziemlich genau acht Jahren auf einmal Die Ärzte das Vorprogramm von Bonaparte in der Berliner Columbiahalle bestritten.

 

Low budget craze with a fistful of rage

Zu sehen gibt es außerordentlich viel an diesem Abend, denn die extrovertierten Tänzer ziehen die Blicke mit ihrer künstlerischen Show auf sich. Lulu sieht man mal in seidener Boxershots, dann in Windel, bevor er Stück für Stück seiner aufreizenden String Tangas fallen lässt. Die wunderschöne Federica wirbelt fast nackt und dennoch jederzeit ästhetisch auf der Bühne herum, hat keine Berührungsängste mit dem Publikum und beherrscht perfekt das Zusammenspiel von Avantgarde und Punk. Die Italienerin und der Franzose lassen Monsieur Bonaparte bisweilen als Begleitmusiker wirken, wissen aber auch, wann die Aufmerksamkeit wieder auf den Sänger gelegt werden soll. Dieses Kollektiv hat das Gesamtkunstwerk Bonaparte auf dieser Tour perfektioniert. Wie bereits bei vergangenen Auftritten hat die Interaktion mit dem Publikum einen hohen Stellenwert. Einmal sind es riesige Ballons, die zwischen Bühne und Zuschauerraum hin- und her gebounced werden, dann springt Jundt mitten in die Menge und versinkt fast in den Fans, um kurz darauf auf den Schultern eines jungen  Mannes wie der Phoenix aus der Asche aufzuerstehen und sich von der Menge tragen zu lassen. Was bei anderen Musikern zuweilen unangenehm nah ist, hat bei Bonaparte den legitimen Charakter des gemeinsamen Ziels- nämlich den Abend zu der bestmöglichen gemeinsamen Erfahrung zu machen. Um dies gebührend zu feiern verspritzen Federica und Lulu feierlich Sekt in der ganzen Desi.

 

We are one, it’s a cycle

 

Ruhigere, fast mantrische Stimmung herrscht bei Ego, Wash your thighs oder Wir sind keine Menschen, wohingegen bei Manana Forever oder White Noize, beides angenehme Midtempo Nummern, ein wenig Zeit zum Entspannen bleibt. Weitere Titel des Abends sind neben den bereits erwähnten Hits unter Anderem auch My  Horse likes you, Who took the pill, Blow it up, Quarantine und Das Lied vom Tod.  Die letzte Zugabe des Abends gehört dann dem Kaiser alleine: Into the Wild als Akustikversion beschließt ein weiteres, fantastisches Bonaparte Konzert.

 

Bonaparte is a bird, Bonaparte ist der Kaiser und seine Entourage, Bonaparte ist Punk, Bonaparte ist Kunst und Bonaparte ist Musik. Aber vor Allem ist Bonaparte ein Gefühl, das man begreift und das einen nicht mehr loslässt.

 

 

Die Karten für die November Tour sind ab sofort im Vorverkauf

 

Redaktion und Fotocredits: Désirée Pezzetta

About The Author

Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

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