Fast wie Graceland – Kettcar, Berlin Columbiahalle, 17.03.2019, Live Review

„In Städten mit Häfen haben die Menschen noch Hoffnung“. Dieses Zitat von Bernd Begemann, das Kettcar immer als Intro für Landungsbrücken raus wählen trifft heute auch auf das Publikum in der fast ausverkauften Berliner Columbiahalle zu. In  der Hauptstadt gibt es tatsächlich 13 Häfen, und so haben sich in freudiger Erwartung etliche Fans eingefunden, um erst die grandiosen Schrottgrenze und im Anschluss Kettcar zu feiern. Die Hamburger haben heute auch drei Bläser dabei, der Posaunist kommt aus Vancouver, an Flügelhorn und Trompete ist ein Deutscher und am Saxophon und der Flöte ein Pinneberger, was Sänger Marcus Wiebusch nachhaltig zu amüsieren scheint. Die Stimmung, das Licht und der Sound sind gut, als mit Rettung die ersten Töne des Headliners erklingen.

Humanismus ist nicht verhandelbar

Der erste Gänsehautmoment von vielen an diesem Abend ist wohl Sommer 89. Dass das Helfen durch Zäune ein tiefst menschlicher Akt und Humanismus nicht verhandelbar ist betont Marcus Wiebusch explizit und trifft damit die Einstellung von mindestens 99% des Publikums. Beim Blick durch die Reihen sieht man das ein oder andere feucht paar Augen und beim Refrain singt Berlin aus vollem Halse „Er schnitt Löcher in den Zaun.“ Im Hintergrund läuft visuell verstärkend ein Video mit einem fiktiven Fluchthelfer. Wie wichtig und aktuell die Themen sind, die Kettcar aufgreifen sieht man auch an dem bewegenden Der Tag wird kommen, der von einem schwulen Fußballer handelt, der den Mut sich zu outen nicht aufbringen kann und den dieses Versteckspiel frustriert und gleichermaßen wütend macht. Auch hier, pure Solidarität im Publikum und hochgereckte Fäuste, nicht nur beim Refrain.

 

Irgendwann ist nur ein anderes Wort für nie

 

Aber Kettcar berühren die Herzen ihrer Fans nicht nur mit diesen ernsten Themen, sondern singen auch von der Vermissung der Jugend in Graceland, denn man ist eben “ jung oder tot“, von dem Blödsinn, den man macht, wenn man noch jung und noch nicht tot ist (Benzin und Kartoffelchips), davon, dass Im Taxi weinen eben doch besser ist als im hvv Bus und natürlich auch davon, dass wahre Liebe bedeutet, dem anderen auch mal die Haare beim Kotzen zu halten (Rettung).

„Kettcar hassen Berlin!“

Neben freundlich gemeinten Frotzeleien der Hamburger gegen Berlin plaudert die Band auch ein bisschen aus dem Nähkästchen. Sänger Marcus Wiebusch wechselt sich hier mit Bassist Reimer Bustorff ab, der die Zeit zwischen den einzelnen Titeln mit seinen humoristischen Ansagen wunderbar aufzulockern weiß. So bereut das Berliner Publikum mit Sicherheit nicht, den Tatort für das Kettcar- Konzert sausen zu lassen und eine bessere Stimmung als auf Tante Erikas Beerdigung herrscht auch. Leider wird das angekündigte Angel of Death von Slayer durch die „Politpunkhymne“ Balu ersetzt, aber das ist ja auch eigentlich viel besser.

Kettcar freuen sich so über die Liebe der Berliner, dass sie Scheine in den Graben und Palo Alto, Songs der brandneuen EP Wir vs. Ich, vorstellen.  Weitere Titel sind unter anderem die Ode an die Fernbeziehung 48h, Balkon gegenüber (Immer noch ohne Refrain, aber mit zweiter Strophe), Ankunftshalle, Money left to burn.  Für alle, die an etwas glauben und dafür kämpfen steht Den Revolver entsichern.

Einsehen zum Schluss, dass man weitermachen muss

Mit Landungsbrücken raus beenden die Hamburger ihr reguläres Set. Für ganze vier Songs kommen sie nochmal nach vorne, darunter Deiche und überraschenderweise auch Skateboard. Mehr kann sich das Publikum nicht wünschen, fast zwei Stunden rocken Kettcar am Ende. Das textsichere Publikum strahlt selig, die Band wirkt glücklich und entspannt und der Abend ist rundum gelungen.

Scheitern als Chance

Auch wenn Kettcar ihrem Traum, einmal in der Mercedes Benz Arena zu spielen (sic!), vielleicht noch etwas aufschieben müssen- der Tag wird kommen, an dem sie es schaffen werden, auch ohne Hit oder zweite Strophe. Aber ein Refrain für Balkon gegenüber muss schon her.

Setlist

 

Rettung
Money left to burn
Sommer 89
Benzin und Kartoffelchips
Graceland
48h
Balu
Balkon gegenüber
Der Tag wird kommen
Lattenmesser
Den Revolver entsichern
Palo Alto
Im Taxi weinen
Ankunftshalle
Auf den billigen Plätzen
Landungsbrücken raus
Trostbrücke
Kein Außen mehr
Deiche
Skateboard

Redaktion und Fotocredits: Désirée Pezzetta

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Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

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