Nur nicht die Nerven verlieren – Die Nerven, Z-Bau Nürnberg, 28. Februar 2019 Live Review

Kaum eine deutsche Band wird von den Kritikern so geliebt wie Die Nerven. Seit 2010 tummeln sie sich in der Musiklandschaft, erst in Stuttgart im Dunstkreis der dort ansässigen Post Punk Szene, der auch die genialen Human Abfall angehören, später dann für die Schwaben folgerichtig in Berlin. Auf das 2012er Debütalbum Fluidum folgte 2014 Fun, welches damals schon vom Feuilleton hochgelobt wurde. Es folgte Out (2015) und im April 2018 das langerwartete vierte Album Fake, mit dem Die Nerven sich derzeit auf Deutschlandtour befinden.

 

Believe the Hype

Nun eilt den Nerven ein Ruf als exzellente Liveband voraus und das mit so einem Nachdruck, dass der erfahrene Konzertgänger dem Braten nicht so ganz trauen möchte. Nur, weil die Popkulturelite diese Band abfeiert muss das ja noch längst nicht stimmen und überhaupt- don’t believe the hype. Zwar erinnert noch das Vinyl im Plattenregal an frühere Die Nerven-Konzerte, aber das ist lange her.

 

Mit hohen Ansprüchen und Erwartungen trifft man also an diesem Abend im Z-Bau Nürnberg ein um das deutsche Jünglein-Wunder einige Jahre nach der ersten Livebegegnung nochmals unter die Lupe zu nehmen.  Der Z-Bau ist um 20:00 Uhr bereits gut gefüllt als die Supportband Walls & Birds, denen auch der Name Birds & Waves stehen würde, die Bühne betritt.

 

Easy listening in the purple rain

Der tanzschuleske easy Listening Sound mit sonorem weiblichen Gesang und unsauberen Gitarrensoli weiß nicht so recht zu überzeugen. Die Textfetzen, die zum Publikum durchdringen, könnten ebenso einer Schlagershow entsprungen sein. Immerhin, die Ansagen des Prince Doubles an Gitarre und Mikrofon sind gewitzt, dafür sind die Songs eben flach. Andersum wäre es besser gewesen. Eine Stunde lang steht die Band auf der Bühne. Bei der Frage, was der Z-Bau sich denn wünsche schreit ein Zuschauer: „Die Nerven!“ Und vertritt damit die einhellige Meinung. Für diese Art von Musik muss man ein Faible haben und als Supportact der Nerven gehen Walls & Birds einfach nur auf dieselben, zumal ihr Slot eine geschlagene Stunde dauert. Positiv in Erinnerung bleibt allerdings das verschrobene Schickeria Cover.

 

 

Zur für Zwangsneurotiker perfekten Uhrzeit 22:22Uhr ertönen die ersten Töne von Niemals.

Die Band legt sofort mit voller Kraft los und der Z-Bau weiß gar nicht wohin mit sich. Wie eine Urgewalt brechen die Nerven über das Publikum herein. Eine hypnotische Wirkung, entstanden aus wohlig wütenden Drums, wabernden Bässen, schreienden Gitarren und einem Gesang, der aus der tiefsten Seele kommt und ebendort auch wieder beim Hörer landet. Mantrische Texte, stets on Point und mit mehr als offensichtlicher -aber niemals plakativer- Gesellschaftskritik.

 

Dass auch der Letzte versteht, dass die Erde sich dreht

Aggressive Songs geben sich die Hand mit batcave‘esken Stücken, um im nächsten Moment einem 80er Sound und fast schon anmutigen Balladen zu weichen. Wer behauptet, Postpunk wäre nicht flexibel, der irrt. Dabei darf nicht vergessen werden, dass selbst die süßesten Melodien in Antithese zum Text stehen und somit jeden Song in ein Herzweh-verursachendes Gefühlskompendium verwandelt. Als Ausgleich zu dem ganzen harten Tobak, den die Nerven in ihrer Musik und den Lyrics verarbeiten, stellen sie live ihre Geheimwaffe- ihren Humor und schier endloses Wohlwollen. Nicht selten sieht man die Band versonnen lächeln ob der vielen strahlenden Gesichter im Publikum, die dankbar um das Sprachrohr in Gestalt der Kapelle auf der Bühne sind. Zwischen den Tracks werden Witzchen gerissen und auch für kleine Sticheleien untereinander ist man sich nicht zu schade. Die Musik ist ja schon düster genug, werden sie sich denken. Besonders hervor tut sich dabei Drummer Kuhn, der in dieser Konstellation durchaus als der Alpha-Kevin bezeichnet werden darf. Er, bekleidet mit einem Blackmetal Shirt, schneidet diabolische Grimassen, die in ein glückliches Grinsen übergehen, er springt von seinem Drumhocker auf und spielt im Stehen weiter, rennt um sein Schlagzeug herum und hüpft, während er Rücken an Rücken mit seinen Bandkollegen zu einem Soundkollektiv verschmilzt und birgt einen hauseigenen Zynismus, der wohl nur bei ihm charmant wirkt. Ganz klar der größte Entertainer der Band. Bei dieser Gelegenheit sei auch nochmals auf sein ehemaliges Projekt Karies hingewiesen, ebenfalls großes Tennis für Fans.

 

Für Auflockerung sorgen auch die kurz angespielten Hymnen We’re not gonna take it von Twisted Sister sowie der Funeral Song von Mayhem (aus dem inner circle of Black Metal in Bergen, Norwegen- Garage Club represent, Oida!) oder das Johnny B Intro bei Neue Wellen. Dennoch stehen natürlich die eigenen Songs im Fokus und da sitzt trotz einiger Rückkopplungen fast alles.  Sogar die Punktlandung von Max Rieger, der taktgenau den Drumstick auf Kuhns Becken schmeißt- auch, wenn es dafür einige Anläufe braucht, die den Spannungsbogen nur erhöhen.

 

Ausgesprochen freundlich

Nach dem regulären 13 Songs-Set und der Zugabe Fake ist der Zauber dann vorbei. Sichtlich zufrieden verabschieden sich die Nerven bei ihrem Publikum. „Danke Nürtingen (sic!), es hat Spaß gemacht!“ Wir fanden auch ok, liebe Die Reize, fanden wir auch.

 

Redaktion: Désirée Pezzetta

Fotocredits: David Späth

About The Author

Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

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