Gar nicht mal so heftig- Fünf Sterne Deluxe, Huxley’s neue Welt, Berlin 31. Januar 2019, Live Review

„Nenn es bitte kein Comeback/ es geht weiter im Kontext“ bitten Tobi Tobsen und Das Bo das Publikum, das heute nach Neukölln gekommen ist, um eine der dienstältesten deutschen HipHop-Bands live zu sehen. Fünf Sterne Deluxe aus Hamburg machen heute auf dem zweiten Teil ihrer Flash! Tour Halt im Huxleys. Die Location ist nicht mal ansatzweise ausverkauft und so steht das durchschnittliche Enddreißiger Publikum recht bequem und mit gehörigem Individualabstand zum Nebenmann bis zur Bühnenabsperrung. Mit dem dreckigen HipHop-Konzerte Flair der 90er hat das freilich nichts mehr zu tun, aber weder Band noch Publikum sind seitdem jünger geworden. Dennoch ist die Venue ganz falsch gewählt, bereits auf dem ersten Teil der Tour im Jahre 2017 sowie auf den Festivals im Sommer 2018 zeichnete sich ab, dass die Luft bei den fünf exzellenten Himmelskörpern irgendwie raus ist. Das neue Album floppte und konnte die Musikkritiker bei Weitem nicht überzeugen und so war das Ansinnen, das Huxley’s zu buchen durchaus riskant.

 

MC René überzeugt als Opener

Den Start in den Abend bestreitet MC René, der mit seiner tighten und sympathischen Art das Publikum schnell auf seine Seite zieht. Die direkte Interaktion mit den Zuschauern in der ersten Reihe ist zwar etwas übermotiviert, aber spätestens beim Freestyle wandelt sich der Achtungsapplaus in wirkliche Begeisterung um und erhobenen Hauptes kann der Rapper die Bühne dem DJ überlassen, der der Crowd mit HipHop Evergreens von Cypress Hill über die Sugarhill Gang bis zu DJ Kool einheizt. Die Leude sind auch ausgesprochen gut drauf und freuen sich über jede neue alte Hook aus den Boxen.

 

Look up to the sky, was siehst du?

 

„Fünf Sterne für uns, weil wir keine sind“ heißt die Devise dann um 21:20 Uhr, als nach einem choralen Intro der Beat losgeht und die Hamburger die Bühne entern. Cool wie Eisbären skandieren die kaum gealterten Tobi Tobsen und Das Bo Moin Boom Tschak und verkünden: „Das‘ der Fuenf Sterne Flow alle Hände hoch“! Und das Publikum reißt die Hände hoch. Die Stimmung scheint der Hallenauslastung exponentiell entgegenzutreten und kurz ist er wieder da, der Spirit der 90er. Keine großen Ansagen haben die Vier lustigen Fünf mitgebracht, sondern Spiellaune. Das passt, denn die Fans haben Tanzlaune! Während beim ersten Teil der Tour die Band noch in einem Hotel zu residieren schien, zeigt das Bühnenbild uns die Protagonisten diesmal im Display eines überdimensional großen Smartphones. Von denen sind übrigens vergleichsweise wenig im Publikum, oldschool Style. Es klingt also alles nach einem zu Unrecht argwöhnisch beäugten Konzert. Leider bleibt es nicht dabei, denn 5 Sterne Deluxe wirken ehrlich überfordert mit der Erwartungshaltung der Fans und nehmen dem Publikum peu a peu die Stimmung wieder weg, in dem sie ein neues Lied an das andere reihen und es loungig statt bouncig zugeht. Dabei sind die Leude doch gekommen, um sich die 5 Sterne Injektion abzuholen. Stattdessen gibt es nur eine Schluckimpfung. Trotz des spartanischen Bühnenbildes gibt es mehrere Outfitwechsel. Einmal im weißen Overall und Rot-Grün-Brille, dann als Fashionista mit Monvlani-Tasche, ein anderes Mal im feinen Zwirn- wandlungsfähig sind die Hamburger, aber es wirkt überflüssig und fehl am Platz. Es wertet die Performance nicht auf.

Schon im ersten Drittel des zweistündigen Konzertes machen sich Deine Mudda Rufe breit. Es ist deutlich zu spüren, dass die Menge wegen der Klassiker da ist, die auch, ziemlich gebündelt am Schluss, zum Besten gegeben werden und zwar wörtlich. Bei den Smash-Hits wie das bereits angesprochenen Hohelied auf die Mutter des Busenkumpels, über Die Leude, Dein Herz schlägt schneller oder Türlich türlich springt der Laden von vorne bis hinten, alle Hände sind oben und die Texte sitzen noch genauso wie 1997. So hätte es das gesamte Konzert sein dürfen. Dass es beim Das Bo Hit türlich türlich ein Rewind gibt, stört wirklich niemanden außer das Bo selbst. Der krönende Abschluss ist eine alternative Version vom Afrob und Ferris MC Klassiker Reimemonster mit den 5 Sternen und MC René, der im direkten Vergleich das Battle haushoch gewinnt.

 

Ein 90er Revival alleine macht noch keine neue Dekade

 

Fünf Sterne Deluxe beweisen heute, dass Routine und freshe 90er Rhymes nicht mehr genügen, um den Massen einzuheizen. Während die Beginner mit Ahnma und Posse gleich zwei Songs mit Hitpotential zu Ehren ihres Comebacks auf den Markt geschmissen haben, bleibt das aktuelle Album der 5 Sterne solide, aber nicht herausragend und schon gar nicht innovativ. Nun möchte man behaupten, dass auch andere Bands sich auf ihrem Kultstatus und der Nostalgiewelle ausruhen und damit Hallen ausverkaufen, jedoch geht das in den seltensten Fällen lange gut.

Durchaus ambitioniert präsentieren die Hamburger heute also einen Querschnitt durch ihre über 30jährige Karriere und liefern ein solides Set ab. So richtig will der Funke aber nicht überspringen.  Vielleicht sollten Fünf Sterne Deluxe es halten wie die edle Sternschnuppe: It’s better to burn out than to fade away.

 

Redaktion: Desiree Pezzetta

Foto: Kevin Randy Höfer

About The Author

Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

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