Die Party ist vorbei- Muff Potter Live im Astra Kulturhaus, Berlin 26.Januar 2019 AUSVERKAUFT Live Review

Als Muff Potter letztes Jahr überraschenderweise auf dem Jamel rockt den Förster-Festival auftraten, war die Überraschung und die Verzückung bei den Fans der Münsteraner groß. Zehn Jahre mussten sich die Anhänger der Gitarrenrock-Band gedulden, bis sich Nagel und Konsorten wieder auf den Bühnen der Republik tummelten. Auf den Festivalauftritt folgte eine Konzerttour, die in Minuten ausverkauft, in größere Venues hochverlegt und sofort wieder ausverkauft war. Glanz und Gloria dieser nostalgischen Reunion wollten sich die ehemaligen Studenten der 90er und Nuller Jahre und die derzeitigen, vielleicht zukünftigen, Hochschulabsolventen wohl nicht entgehen lassen. Dabei ist alles.

Während also an diesem Samstagabend die einen ironisch das Finale des Dschungelcamps schauen, begeben sich circa 1.500 eher mehr als weniger gealterte Muff Potter-Fans in das Astra Kulturhaus auf dem RAW-Gelände, um sich selbst zu beweisen, dass sie (und die Band) es noch drauf haben. Familienfreundlich wurde der Beginn zunächst kurzfristig auf 20.00Uhr vorverlegt, nach heftigen Protesten dann aber wieder auf 20.30Uhr verschoben, denn so alt sei man dann ja doch noch nicht, dass man um 22.00Uhr schon wieder nach Hause müsse.

Nach dem eigenwilligen Supportslot des Backliners Felix Gebhard, dessen experimenteller Stoner/Ambient/Looper/Whatever-Sound man nicht ganz als belebende Stimmungsmusik für solch einen Abend bezeichnen kann, geht es dann auch pünktlich um 20.30 Uhr los mit Muff Potter.

 

Fliegende Becher, schwebende Besucher

Erwartungsgemäß ist das Publikum direkt aus dem Häuschen, als die frisch aus Hamburg angereiste Band die Bretter, die die Welt bedeuten, betritt. Mit Lobhudelei sparen die Berliner Fans von Beginn an nicht, es wird schon alles gut gehen. Und es geht auch gut nach vorne, zumindest das erste Drittel des Astras ist von Anfang an mit dabei und hüpft und springt, wenn die Band (immer noch aus NRW) von Hamburg singt. Wir sitzen so vor dem Molotow/und trinken Cocktails auf die gute alte Zeit. Das Publikum ist ohne Frage textsicher- jede Songankündigung wird mit verzückten Aaaahs und Oooohs konnotiert und man hört quasi die Gedanken der Zuschauer: „komm, noch ein Song von damals, weißt du noch, wie wir Tütensuppen gegessen haben und uns einen Joint am offenen Fenster der Studenten-Altbauwohnung-WG geteilt haben? Und dann mit ´nem Sixpack auf ein Indie-Konzert, Mensch, das waren noch Zeiten, haha, wie wild wir doch waren!“ Vor lauter Begeisterung scheint das Publikum in Berlin Mühe zu haben, seine Becher festhalten zu können und so fliegen erstaunlich viele volle, halbvolle, selten leere Trinkgefäße Richtung Bühne. Dazu paaren sich noch eine ganze Menge Crowdsurfer jeden Alters, die zumindest bis zum FOH gut durchkommen, bevor die Menge doch zu dünn wird und der Weg wieder retour geht. Da mittlerweile auch der Club bis zur magischen FOH-Grenze hüpft, ergibt sich doch ein recht schönes, homogenes Bild von tanzenden, surfenden, hüpfenden und vor allem singenden Menschen, die das- zu Beginn wirklich ziemlich zapfige- Astra aufzuheizen.

 

Alle guten Songs sind Protestsongs

Natürlich wird Nagel nicht müde, auf aktuelle Missstände hinzuweisen, zum Beispiel das Clubsterben. „Das geht raus an das Molotow, an das Gleis 22 in Münster und auch an den Festsaal Kreuzberg- an den alten und an den neuen!“ An just den Festsaal Kreuzberg also, in dem zunächst dieses Konzert stattfinden hätte sollen, bevor es in das doppelt so große Astra verlegt wurde. Egal, es geht weiter mit Protestsongs, denn „alle guten Songs sind Protestsongs!“ Protest hagelt es auch gegen die Institution Kirche und Religion so ganz allgemein, und das sei ja auch in den letzten zehn Jahren noch viel schlimmer geworden, was die Aktualität der Muff Potter’schen Texte unterstreiche. Nagels poetische Ansagen kommen gut an und werden durch noch mehr Applaus angefeuert. Zu der Setlist bleibt nicht viel zu sagen, knapp zwei Stunden lang serviert man die Songs, auf die alle warten. Von Fotoautomat, das live bedauerlicherweise nicht so gut zündet, über das schnulzig schöne Den Haag, Wie spät ist es (und warum) bis hin zu Wunschkonzert und als letzte Zugabe 100 Kilo wird alles runtergerockt, was das Fanherz begehrt.

 

Comeback mit Schwächen

Musikalisch darf man von Muff Potter natürlich nicht zu viel erwarten, das ist halt rotziger Alternative, aber ein wenig mehr Virtuosität würde auch dieser Kapelle guttun. Der Sound an diesem Abend ist ganz okay, das Licht ist leider nicht wirklich tight, hier darf am Lichtpult gerne noch etwas geübt werden. Im Großen und Ganzen bleibt das Konzert hinter den Erwartungen zurück. Stimmung macht vor allem das Publikum und weniger die Band, die doch etwas enthusiastischer durch den Abend führen hätte können. Muff Potter liefern heute ein Hauptstadt-Comeback, von dem sich der ein oder andere sicherlich mehr erhofft haben dürfte.

 

Redaktion: Désirée Pezzetta

Fotocredits: Adina Scharfenberg Photography

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Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

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