Review: Zwischen Punk und Klaus Lage – Drangsal in Berlin

Wer sich in diesem Jahr etwas intensiver mit der deutschen Populärmusik-Szene beschäftigt hat, kam am Namen Max Gruber aka Drangsal praktisch nicht vorbei. Und das nicht nur wegen des bekannten Podcasts mit seinem Musiker-Kollegen und Buddy Casper. Mit „Zores“ veröffentlichte der Herxheimer im April sein überaus spannendes und hoch gelobtes Zweitlingswerk, das mit enormem Facettenreichtum irgendwo zwischen Pop, Indie und Post-Punk glänzt. Umso verdienter und folgerichtiger ist es, dass die (Wahl-) Heimat-Show im Berliner SO36 am 16.11. bereits weit im Vorfeld restlos ausverkauft war.

Kein normales Pop-Konzert

Nach einem soliden Grunge-Stelldichein der Vorgruppe Pabst folgten die letzten Handgriffe auf der Bühne von Gruber und seiner Band höchstpersönlich (begrüßt von überwiegend weiblichem Gekreische), bevor schließlich die Pausen-Musik verstummte. Ein episches Intro begann – doch entgegen aller Erwartungen betrat wenige Sekunden später nicht Drangsal, sondern ein Redner die Bühne, der die darauffolgende Show mit einigen Zeilen über soziale Ungerechtigkeit ankündigte und damit einige ratlose Gesichter zurückließ. In Anbetracht dessen, dass das Polarisieren jedoch schon immer irgendwie ein wesentlicher Pfeiler des Künstlers Drangsal war, hätte man sich rückblickend keine bessere Eröffnung seiner Show vorstellen können. Der in Jogginganzug gekleidete Gruber stimmte wenige Momente später mit seiner dreiköpfigen Band schließlich die ersten Takte seines Sets an.

In den folgenden 90 Minuten kredenzten die vier Herren einen ausgewogenen Querschnitt aus den beiden Drangsal-Alben „Harieschaim“ und „Zores“, den Gruber mit kurzen, stets pointierten Ansagen spickte. Natürlich durfte auch ein Seitenhieb gegen den Eurovision Song Contest, für den der Sänger zum Ärger seiner Fans (und vor allem zu seinem eigenen Ärger) nicht als Teilnehmer auserkoren wurde, nicht fehlen. Gruber selbst wurde von Song zu Song lockerer und auch das Berliner Publikum, das bekanntermaßen generell immer eher schwer zu knacken ist, ließ sich vor allem in der zweiten Hälfte des Konzerts zu immer mehr Stimmung hinreißen. Und Drangsal wäre wahrscheinlich nicht Drangsal, wenn er die Gunst der Stunde nicht genutzt hätte, um sein Shirt zu zerreißen und in die Menge zu werfen. Die kreischfreudigen Fans in der vorderen Hälfte des SO36 hat es jedenfalls gefreut.

Der krönende Abschluss

Der obligatorische Zugaben-Block des Abends wurde von „Eine Geschichte“ eingeläutet – ein Song, der bereits auf Platte mit seiner Theatralik glänzt und im Live-Gewand umso beeindruckender wirkte. Das folgende „Turmbau zu Babel“, der wohl bekannteste Song Drangsals, wurde völlig zurecht als Bonbon für den Schluss des Sets aufgehoben. Den krönenden Abschluss des Abends bildete jedoch kein Drangsal-Song, sondern ein Cover von Klaus Lages Gassenhauer „1000 und 1 Nacht (Zoom!)“. Ja, richtig gelesen. Doch auch das ist irgendwie Drangsal – eine Prise Schlager zwischen großen Pop-Hymnen gepaart einer unverkennbaren Punk-Attitüde. Mit diesem Abend hat der junge Herr jedenfalls einmal mehr seinen Status als einer der momentan facettenreichsten und spannendsten deutschen Künstler untermauert.

Redaktion: Linda Kasprzack
Foto: Jana Boese

 

 

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Connection-Tante, hat kein gutes Mikrofon, mag kein Eskimo Callboy - aber Eskimo Callboy mögen sie, kann kein schwäbisch imitieren, steht für Avocados und Weltfrieden, hat immer einen Geheimtipp auf den Lippen und darf schon wählen.

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