Pop im besten Sinne – OK Kid im Interview zu „Sensation“

Seit einigen Tagen ist „Sensation“, das dritte Album der Gießener Combo OK Kid, nun draußen. Mit diesem hat sich das Trio in vielerlei Hinsicht neu erfunden. Wir trafen die Band bestehend aus Sänger Jonas, Keyboarder Moritz und Drummer Raffael in Berlin, um tiefere Einblicke in die Entstehung und Hintergründe des neuen Albums zu gewinnen. Denn dazu gibt es einiges zu erzählen.

Eine Sache, die Musikjournalisten immer gerne machen, ist Bands einen Genre-Stempel aufzudrücken. Bei OK Kid fiel das allerdings nie wirklich leicht – die Bezeichnung „irgendwo zwischen Rap, Indie und Pop“ kommt dem musikalischen Stil des Trios wohlmöglich noch am nähesten. „Es ist auch ein Unvermögen von uns, dass wir nie eine Stilrichtung gefunden haben, die wir machen wollen. Aber letztendlich ist das auch die größte Freiheit in der Musik, die man haben kann“, sagt Jonas. Er erklärt weiter: „Für uns selbst war es immer mega geil, so zwischen den Stühlen zu stehen, aber für die Greifbarkeit nach außen war es vielleicht nicht so leicht. Viele Leute haben uns glaube ich auch nicht verstanden. Ich glaube, das braucht einfach Zeit und man muss unsere Platten auch mehrmals anhören, um zu verstehen, was wir wollen und warum es so klingt wie es klingt. Für die kommerzielle Greifbarkeit ist das natürlich nicht das Einfachste, aber das ist uns auch ziemlich egal“.

Mit dem neuen Album „Sensation“ wagen sich OK Kid allerdings so stark in poppige Gefilde, wie es die Band zuvor nie tat. Der Pressetext zum Album bezeichnet die Platte gar als „hemmungslose Bekenntnis zum Pop“. Jedoch ist der Begriff „Pop“ im Falle von OK Kid keinesfalls mit cheesy Radiohits á la Bourani & Co. gleichzusetzen, wozu viele Musikhörer verleitet sind. Die Band hat stattdessen ihre ganz eigene Definition von „Pop“, wie Jonas erklärt: Für uns bedeutet Pop, sich von jedem Genre freizumachen. Wir konnten uns ja noch nie auf eine Stilrichtung einigen und haben nie ein klares Rap-Album oder Indie-Album gemacht. Es ist also keine Bekenntnis im eigentlichen Sinne, aber wir haben uns einfach komplett locker gemacht und alles zugelassen bei diesem Album. Und haben versucht, die besten Songs zu schreiben, die wir können. Wir wollten uns nicht vorher verkopfen und in dem, was wir schaffen wollen, einschränken – sondern jedem Song die Chance geben, der beste Song zu werden, den wir jemals geschrieben haben. Ich glaube, dieses locker machen uns ziemlich gut gelungen – lange Zeit zwar nicht, aber gegen Ende ist es dann wirklich so geworden“. Moritz ergänzt: „Wir haben diesmal auch viel mehr Songs geschrieben als einfach nur Beats hin und her geschickt. Also viel mehr Mucke zusammen gemacht und auch viel gejammt, wobei viele Songs entstanden sind. Dadurch sind die Songs auch melodiöser geworden und vielleicht auch noch poppiger als vorher. Aber letztendlich haben wir uns schon immer zu Pop bekannt“.

Der veränderte Songwriting-Prozess, den Moritz beschreibt, ist dabei nur eine der maßgeblichen Neuerungen, die „Sensation“ für OK Kid mit sich bringt, wie Moritz weiter erklärt: Wir haben uns auch von Leuten getrennt, mit denen wir schon lange zusammen gearbeitet haben und haben unser musikalisches Umfeld verändert. Vorher haben wir immer mit einem Produzenten aus Köln zusammengearbeitet – das war auch alles super, aber um beim dritten Album wirklich Dinge anders zu machen, wollten wir auch mal andere Leute auschecken. Letztendlich sind wir dann bei Tim Tautorat gelandet und waren für die Albumproduktion sechs Wochen lang in Berlin“.

Mit eigenen Augen

Im auf den ersten Blick vermeintlichen Kontrast zum zugänglicheren Sound von OK Kid stehen die Lyrics des neuen Albums, die inhaltlich alles andere als leichte Kost sind – denn mit „Sensation“ liefern OK Kid ihr bislang politischstes Album an. Auch zuvor hatte die Band Songs mit einem scharfsinnigen Blick für aktuelle politische Entwicklungen in ihrem Repertoire, doch mit dem neuen Album erreicht dies einen neuen Peak. Bestes Beispiel dafür ist die erste Single „Warten auf den starken Mann, in der die Band fiktiv die Perspektive eines Wutbürgers einnimmt. Jonas erklärt zur Entstehung des Songs: Wir waren nach der letzten Tour im Bandurlaub in Heidenau, also dort, wo es auch fremdenfeindliche Angriffe gab. In und um Heidenau ist eigentlich fast schon eine Heile-Welt-Gegend, tolle Natur, überall kleine Einfamilienhäuser. Ich als Texter habe dann versucht, mich reinzuversetzen, warum in diesem Ort so viel Hass stattfindet. Natürlich sind das nicht nur Leute aus Heidenau, sondern auch Angereiste, ich möchte jetzt nicht Heidenauer Menschen allgemein verurteilen. Aber wir wollten einfach mal dort hinfahren, den Ort kennenlernen und eine Erklärung finden, woher der Hass kommt. Ich bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass es vor allem Angst ist – also auch die Angst, ein Verlierer zu sein, Angst abgeschnitten zu sein, Angst sich nicht verstanden zu fühlen. Das war dann der Anreiz, darüber einen Song zu schreiben. Das Lied ist auch gar kein krasser Kritik-Song, sondern einfach ein Versuch zu verstehen, was diese Leute wollen. Letztendlich haben die Menschen, die dort auf die Straße gehen – die nicht klar Nazis sind, Thor-Steinar-Klamotten tragen und auf Nazi-Konzerte gehen – vor allem eine riesige Angst vor dem Unbekannten, die man so gar nicht fassen kann. Deswegen war es auch so spannend, sich da hineinzuversetzen. Dieses Denken ‚Die Flüchtlinge nehmen mir mein Brot weg‘ ist ja auch super abstrakt“.  Jonas erzählt zudem, dass das Trio Heidenau ganz bewusst als Ziel für seinen Bandurlaub ausgewählt hat – aus einem einfachen Grund: Es ist sehr wichtig, sich mit dem Thema zu beschäftigen, damit es auch Hand und Fuß hat. Und nicht einfach nur aus seiner Blase heraus zu urteilen. Wir sind auch nicht die Band, die antifaschistische Parolen raushaut und ‚Nazis aufs Maul‘ schreit. Sondern wir setzen uns anders mit dem Thema auseinander“.

„Ich finde, dass Musik nicht politisch sein muss“

Apropos politische Musik: Gerade in Anbetracht der aktuellen politischen Situation und der Debatte um #WirSindMehr kommt aktuell oft die Frage auf, ob sich auch große Pop-Künstler mit gänzlich unpolitischen Songs wie z.B. Helene Fischer politisch äußern sollten oder müssen. Raffael hat dazu eine klare Meinung: „Ich finde, dass Musik nicht politisch sein muss“. Jonas ergänzt: „Man braucht ja auch nicht zwingend politische Songs, um auf die richtigen politischen Dinge aufmerksam zu machen“. Raffael versteht zudem nicht, warum das Thema oft ausschließlich an Künstlern festgemacht wird – er sieht die Verantwortung bei jedem Einzelnen: Ich finde es immer gut, wenn sich – egal wer – politisch äußert. Denn wer seine Klappe nicht auf macht, hat auch nichts zu melden. Das gilt für Künstler genau so wie für Maler genau wie für einen Automechaniker und genau so für einen Arbeitslosen. Ich sehe es also nicht so, dass sich Künstler zwingend politisieren müssen, finde es aber trotzdem gut, wenn es Leute machen. Es geht halt einfach um Zivilcourage und die beschränkt sich ja nicht auf Bands, sondern ist eine Sache, die jeden etwas angeht“. Ein schöneres Schlusswort könnte dieses Interview wohl nicht haben.

Interview: Linda Kasprzack
Beitragsbild: Désirée Pezzetta

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Connection-Tante, hat kein gutes Mikrofon, mag kein Eskimo Callboy - aber Eskimo Callboy mögen sie, kann kein schwäbisch imitieren, steht für Avocados und Weltfrieden, hat immer einen Geheimtipp auf den Lippen und darf schon wählen.

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