Review: Casper und Marteria – 1982. Mit dem Kopf in der Cloud

1982, das erste gemeinsame Album von Benjamin Griffey und Marten Laciny, alias Casper und Marteria, erscheint am 31. August. Der Hype im Vorfeld war groß: Die Fan Box beispielsweise ist schon vor Release fast ausverkauft. Der Veröffentlichung gingen Live-Videodrehs und zahlreiche gemeinsame Promoauftritte, u.a. auf dem Taubertal und dem Highfield-Festival voraus. Auch die Kollaborationen mit Kat Frankie und Monchie von Feine Sahne Fischfilet ließen die Kritiker aufhorchen. Man erwartete Großes von dieser Platte. Wie das aber halt sooft ist mit der Erwartungshaltung, ist diese meist so hoch, dass die Künstler dieselbe gar nicht erfüllen können.

 

Brothers from different mothers

Dass Marteria und Casper sich gut verstehen, ist hinlänglich bekannt. Dass sie trotz ihrer kulturell und geographisch konträren Vitae doch so viele gemeinsame Nenner haben, überrascht weniger, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. „Dorfpunks“, auch wenn sie mit Baggypants oder Röhrenjeans daherkommen, sind sich ähnlich, egal ob im Osten oder Westen, in Europa oder in den USA. Beide verbindet die Liebe zur Musik, das Streben nach Größerem, fast zeitgleich Hochzeiten in Las Vegas, kommerzieller Erfolg als Lohn konstant harter Arbeit, klare Statements zur politischen Lage und natürlich ein einheitliches Geburtsjahr, das den Albumtitel stellt. Musikalisch gehen die beiden aber, trotz einer überlappenden Fanbase, doch recht unterschiedliche Wege. Casper, der Indierocker vs. Marteria, der opulente Rapper mit viel souligem Backgroundgesang.  Der erste gemeinsame Song, Rock n Roll, ist allerdings schon fast 10 Jahre her. Legitim also, dass die mittlerweile gesetzten Größen des Deutschrap nachliefern. Nur eine neue Chronik II ist es nicht geworden.

 

Bloß nicht Anecken

Im Prolog 1982 reißen die beiden kurz ihre Kindheit, Jugend und Karriere an, Casper in Bielefeld, Marteria in Rostock, später beide in der Metropole. Keine Ost-West Thematik, lediglich die gleichen Träume und Kindheitserinnerungen, mit denen sich wohl nicht nur Mittdreißiger identifizieren können. Von Ace of Base bis Motörhead (Ace of Spades), von The Prodigy bis Jay-Z. Man ist breit aufgestellt.

Die Vorabsingle Champion Sound ist bereits festivalerprobt, das sentimentale Denk an Dich als Hommage an die Ehefrauen so weit weg vom Gangsta-Rap, wie Flensburg von Garmisch.

Willkommen in der Vorstadt, ein wundervoll überspitztes Stück über das harte Gangleben Halbstarker in der deutschen Reihenhaussiedlung, lockt mit erfrischend düsteren Sound, bleibt aber neben Adrenalin der einzige Ausreißer dieser Richtung.

 

Was ist denn mit der Realness? Alle nur noch Cloud-Trap

Der vergangenen Jugendlichkeit zollen die Beiden nicht nur textlich Tribut: Absturz klingt wie frisch aus der Cloud, inklusive nervtötendem Autotune. An anderer Stelle möchten die beiden zu zehnt im Omega mit Sprit für zehn Euro nochmal die Freiheit spüren. Erinnerungsfetzen aus der guten alten Zeit. Die mit Spannung erwarteten Features der Gastmusiker gehen weitestgehend in der Überproduktion unter. Das Album klingt streckenweise wirklich nicht mehr nach einer erfolgreichen Kombination der unterschiedlichen Stile der Musiker, sondern wie ein midlife-crisis geprägter Versuch, an die neue Generation Rap anzuknüpfen (Chardonnay & Purple Haze). Casper’s Affinität zum Trap ist zwar bereits seit seinen Gloomy Boyz bekannt, aber zu Marteria mag dieser Sound nicht so recht passen. Auch lyrisch bleibt das Album weit hinter dem zurück, was man von den beiden derzeit angesagtesten Rappern Deutschlands erwarten hätte können. Die Leichtigkeit der Rhymes ist nicht gegeben und so richtig in die Tiefe geht eigentlich kein Text. Man kratzt in allen zehn Songs, die insgesamt nur knapp 40 Minuten Spielzeit ergeben, lediglich an der Oberfläche. Schon fast altersmilde muten Casper und Marteria auf diesem mixtape-esken Album an, das sich, auch aufgrund seiner kurzen Gesamtspielzeit, wirklich hervorragend in die Cloud Rap Sparte einordnen lässt. Keine krassen Statements, kein Biss, man ist sich weitestgehend einig oder geht gar nicht erst aufeinander ein. Direkte Dialoge der Protagonisten finden nämlich nicht statt. Man monologisiert, in Erinnerungen schwelgend, ohne wirklich neue Erkenntnisse oder Eindrücke zu vermitteln, bis man beim Epilog 2018 angekommen ist, in dem man sich selbst zum Erfolg gratuliert.

 

Kein klares Konzept

Der Platte hätte gut zu Gesicht gestanden, das Konzept der Jahreszahlen stringent zu verfolgen. Konzeptionell also 1982 Geburt, 1995 erster Flaum am Kinn, 2002 zum ersten Mal 52 Tequila und so weiter. In der jetzigen Form bleibt 1982 weit hinter dem zurück, was die beiden Künstler zu bieten hätten.

Sound
Konzept
Hörspaß
1.4

Schwaches Album zweier Ausnahmekünstler, die es definitiv besser können!

About The Author

Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

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