Punkrock-Familientreffen: Lagwagon im SO36, Berlin 21. August 2018

Heiß ist es an diesem Augusttag, und dennoch zieht es massenweise volltätowierte Punkrocker ins Kreuzberger SO36, um den Punkveteranen von Lagwagon die (hoffentlich nicht letzte) Ehre zu erweisen. Neun Jahre haben sich die Kalifornier Zeit gelassen, um uns wieder zu beehren und die Euphorie ist dementsprechend groß. Groß ist ein gutes Stichwort, denn große Teile des Publikums sind mit Lagwagon groß geworden und erwarten sich eine große Punkshow- wie damals in den 90ern halt.

 

Den Abend eröffnet der Punkfolker Joe McMahon. Das Quartett liefert  eine solide Show ab, die das Publikum wohlwollend honoriert. Nur sein Gesichtsausdruck bleibt das gesamte 30min Set durch ein wenig zu grimmig, was sehr schade ist, da dies nicht so ganz zur Musik passen will.

 

Der zweite Supportact heute sind Not on Tour, eine female fronted Punkrock Band aus Israel, Das ist mal was erfrischend Anderes. Sängerin Sima wirbelt über die Bühne und obwohl sie optisch und stimmlich ein wenig an Nelly Furtado erinnert, hat sie mit der Popsängerin musikalisch wirklich nichts gemeinsam. Die Band präsentiert gefühlt 100 Songs in 40min, aber dit is halt Punkrock. Ein Fan ist so angetan von der Frontfrau, dass er gleich 2x auf die Bühne springt und sie sogar auf die Wange küsst. Das findet weder Sima noch die Redakteurin dieses Artikels cool und so wird der Zwangsknutscher von der Sängerin aufgefordert, auch den Bassisten zu küssen, denn schließlich seien alle gleich. Klasse gelöst, Sima, bei mir wäre der Watschenbaum bereits beim Bussi umgefallen. Überhaupt stellt sich die Band offen gegen Sexual harassment, vor Allem Frauen gegenüber und das ist offensichtlich nötig- auch in der Punkszene.

 

Die Luftfeuchtigkeit hat nach dem Auftritt von Not on Tour geschmeidige 95% erreicht und die Finger werden schon ganz schrumpelig, als unter tosendem Applaus und Gegröle die Urpunker von Lagwagon die Bühne betreten. Gab es schon bei Sami und ihren Jungs einen ordentlichen Moshpit, so ist nun das gesamte erste Drittel des SO36 ein Tornado aus fliegenden Haaren, Kutten und Körperteilen. Dazu kommt noch eine beachtliche Menge an Crowdsurfern. Was für ein Auftakt! Die ältere Fraktion hat sich in den hinteren Teil des Clubs verzogen, aber mitgesungen wird auch da. Das textsichere Publikum feiert jeden Song des Sets, das unter anderem May 16th, Coffee&Cigs, Making Friends, Gun in your hand und als Rausschmeißer Razor umfasst. Die Band selbst ist erstaunlich agil, spielfreudig, gut aufgelegt und ja, einfach Lagwagon halt. Am Merch entdeckt man Chris von Nothington, der Club ist voller Punkrockfreunde und ein bisschen ist es wie eine Familienfeier mit viel Bier, Moshpit, Punkrock und Schweiß. Egal, dass die Temperatur im SO36 passend zur Stimmung wie ein Hexenkessel ist, das trocknet alles wieder vor der Venue, wo man nach dem Konzert in erschöpfte, aber glückliche Gesichter blickt.

 

Redaktion: Désirée Pezzetta

Fotocredits: Adina Scharfenberg

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Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

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