Oh mein Gott, dieser Himmel! Taubertal Festival 2018, Rothenburg ob der Tauber, 09.-12. August 2018

August 2018 – die Festivalsaison ist in vollem Gange und wir lassen es uns nicht nehmen, ins mittelfränkische Rothenburg ob der Tauber zu fahren und uns, unter der pittoresken Kulisse der Rothenburg, das Taubertalfestival zu gönnen. Im Gegensatz zu den Vorjahren beschränkt sich das Wetterchaos auf einen Tornado auf dem Zeltplatz am Donnerstag, bei dem man verzweifelte Festivalbesucher unter „HOLD THE DOOR“-Schreien beobachten kann, wie sie versuchen, ihre Pavillons und Zelte vor einem Szenario a la The Wizard of Oz zu bewahren. Klappt mehr so semi und so muss der Kummer mit Bier oder eiskalten Cocktails aus der mitgebrachten Daiquiri-Maschine ertränkt werden. Wer möchte, kann sich im am Abend im Steinbruch bei Henning Wehland und den Killerpilzen eingrooven.

 

Beat Schnitzel und Punk Heringe

Am Freitag startet das Festival auf der Hauptbühne dann mit Joris, der jedoch außer seinem 2015er Hit Herz über Kopf nichts wirklich Neues zu bieten hat und auch die breite Masse nicht überzeugen kann. Leider ist hier alles ein bisschen zu weichgespült und langweilig. Ganz im Gegensatz zu Feine Sahne Fischfilet, die in Windeseile den Platz vor der Hauptbühne füllen und ein Punkfeuerwerk vom -Achtung- Feinsten abliefern. Monchi ist äußerst gut gelaunt, verspritzt Bier, was das Publikum deutlich mehr freut, als die Fotografen im Graben, nimmt die ganze Bühne für sich ein und zur Krönung gibt es dann noch Pfeffi for free! Natürlich darf auch die Kritik an der momentanen politischen Lage und vor allem an Herrn Seehofer nicht zu kurz kommen. Das Publikum feiert jedes Wort des Frontmanns und auch der Rest der Band aus Rostock liefert einen tollen Auftritt ab.

Da haben es die Editors schwer, mit ihrem elektronischen Indie-Sound Schritt zu halten. Trotz sphärischer Lightshow, astreinem Sound und charismatischem Frontmann will der Funke nicht beim gesamten Publikum überspringen. Schade, denn mit Hits wie Papillon haben die Briten aus Birmingham doch wirklich mehr als einen Anstandsapplaus verdient.

Die Beatsteaks hingegen bereiten den Besuchern einen fulminanten Abschluss des Freitags: In bester Spiellaune verbreiten die Berliner 90min lang gute Laune- Backstreet Boys Cover inklusive. „Ihr seid Punkrocker? Ich bin Popper!“ schreit Sänger Arnim und erntet selbst dafür tosenden Applaus.  Aus lauter Kehle singt das Kollektiv Songs wie I don’t care as long as you sing, Automatic oder Let me in mit. Glücklich und zufrieden treten die Einen den beschwerlichen Aufstieg zum Campingplatz an, während die Anderen im Steinbruch unter anderem bei den phänomenalen Dicht & Ergreifend noch bis spät in die Nacht weiterfeiern.

 

Circus mit K!

Nachdem die italienischen Talco die Hauptbühne eröffnet haben, fegen Gogol Bordello mit ihrem Gypsie Sound alles weg und hypnotisieren das Publikum mit ihrem Veitstanz. Was für ein Zirkus! Dann kommen die In Flames, die so gar nicht in das Line Up passen wollen. In Flames sind eine Band, bei der man getrost die Fanta Vier zitieren darf: „Die alten Sachen fand ich ja ganz gut, die neuen nicht!“ Trotz zahlreicher Lichttürme und okay-em Sound reißen die Schweden aus der Göteborger Metalszene nicht vom Hocker und die meisten im Publikum sind eh nur wegen der Band mit K schon da. Und dann, um 23:15Uhr, fällt der Vorhang, auf dem in großen Lettern „Keine Nacht für Niemand“ steht und tausende verzückte Gesichter blicken gen Bühne, auf der sich die fünf Jungs aus Karl-Marx-Stadt in Position gebracht haben. Kraftklub is in da house! Mädchen wollen Felix anfassen, oder halt irgendeinen von der Band, aber vor Allem Felix. Das Festivalset der Indie Band mit Rap bietet wenig Zeit zum Verschnaufen, aber auch wenig Überraschungen. Von Minute Eins bis Minute 90 singt das gesamte Festival die Smash-Hits mit, von Ich will nicht nach Berlin, vorgetragen auf einer mobilen Bühne, bis hin zu Chemie Chemie Ya, Schüsse in die Luft und Songs für Liam. Das mittlerweile bekannte Glücksrad bleibt heute bei Koversong stehen und so bekommen die nicht anwesenden Nazis mit Schrei nach Liebe auch noch ihr Fett weg. Danke Kraftklub, so muss ein Samstagabend enden. Wie man später erfährt ist bei Kraftklub auch am Meisten los vor der Bühne- zum zweiten Mal schon nach dem Southside! Respekt mit K.

 

Die Drangsal des jungen Fabers

Der letzte Festivaltag fährt dann nochmal so richtig auf, vong Bands her. Käptn Peng und die Tentakel von Delphi, Swiss und die Anderen (endlich mal was zu gucken für die Mädels!), Hot Water Music und Silverstein. Die Highlights des Sonntags sind aber andere: Zum einen Drangsal, der trotz anfänglicher Soundprobleme mit seiner wavigen Indiemusik die kleine Bühne rockt, zum anderen aber auch Faber, der, obwohl er laut eigener Aussage keine Festivals mag, mit seinem stimmungsvollen Auftritt einige neue Fans dazugewonnen haben dürfte. Die Broilers reißen derweil die Hauptbühne ab, klasse, wie sich die Düsseldorfer Punks in den letzten Jahren zum geheimen Headliner gemausert haben. Auch heute ist wieder Ihr da Oben der Gänsehautmoment des Sets, selig, wer ein Taschentuch zur Hand hat.

 

Das Taubertal ist ein Marteria Girl

Das grande finale bestreitet dann Marteria, der als Überraschungsgast noch Casper im Gepäck hat. Zusammen performen sie die ersten beiden Singles des bevorstehenden Albums 1982 und sogar ein Videodreh ist mit dabei! Das Publikum macht dankbar mit und feiert fast, bis die Wolken wieder lila sind. Leider ist Marsimoto heute offenbar verhindert und lässt sich nur für einen kurzen Augenblick von seinem Stern herab. Aber da steht ja bald eine eigene Tour an, also ist das schon ganz schön okay.

Bobby Cars und Nasenbiss

Das weitestgehend friedliche Festival wird überschattet von einem Bobbycardiebstahl mit amtlichen Kennzeichen (nur auf dem Taubertal…) und einem heimtückischen Nasenbiss. Beim Streit im Moshpit fühlt sich ein Gast genötigt, einem anderen ein Stück der Nase abzubeißen, was gleich auf mehreren Ebenen verstörend ist. Wieviel Kraft braucht es, eine Nase zu durchtrennen, wieviel kriminelle Energie und wieviel Promille? Der Veranstalter bringt es auf der Pressekonferenz auf den Punkt:“ Ein paar Arschlöcher hast halt immer dabei!“ Wir sind dafür, dass diese paar Gehirnamputierten nächstes Jahr einfach daheimbleiben. Bitte danke.

 

Wir chillen

Das Taubertalfestival macht es einem nicht schwer, es zu lieben. Oh mein Gott, dieser Himmel, diese Kulisse, das Flair, man kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Die familiäre Atmosphäre sucht ihresgleichen, Securities, Bands und Veranstalter ziehen an einem entspannten Strang. Der angrenzende Biergarten bietet schattige Plätze und hilft dem ein oder anderen Besucher durch ein kühles Fußbad in der Tauber seine Sprache wiederzuerlangen. Das Publikum ist locker, easy und vor Allem wohlwollend und aufgeschlossen (Grüße an die Hügel Crew!).

 

Der Vorverkauf für 2019 läuft und ihr solltet nicht zulange mit den Tickets warten, es wäre doch schade, wenn euch dieses Festivalhighlight entginge!

Vielen Dank, liebes Taubertalfestival, für drei Tage mit tollen Bands, tollem Wetter und tollen Leuten vor und hinter der Bühne!

 

Fotocredit und Redaktion:  Désirée Pezzetta

About The Author

Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

Keine Kommentare on "Oh mein Gott, dieser Himmel! Taubertal Festival 2018, Rothenburg ob der Tauber, 09.-12. August 2018"

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.