Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut – Kosmonaut Festival 2018

Die sechste Ausgabe des Kosmonaut Festivals steigt dieses Jahr am 29. und 30. Juni, wie immer am idyllisch gelegenen Stausee Rabenstein bei Chemnitz. Das von Kraftklub nach dem Weggang des Splash! gegründete Musikevent hat sich in den letzten Jahren zu einem Geheimtipp für Festival- und Musikfreunde entwickelt. Mit 15.000 Besuchern bei ausverkauftem Haus zählt das „Kosmo“ zu den kleinen Festivitäten- aber genau das macht es so charmant. Klar, der Badesee, die vielen Grünflächen und Bäume sowie die liebevoll gestaltete Dekoration (da steckt Herzblut drin, das kann man sehen), die ganzen niedlichen Angebote… das ist schon was Besonderes. Zum Beispiel wird jedes Jahr ein handgemachter Minigolfplatz aufgestellt, es gibt ein freshes Revival der Klassiker-Datingshow „Herzblatt“ und abends kann man seine (Un-)Musikalität beim Karaoke unter Beweis stellen (wobei hier erwähnt werden muss, dass sich die Redakteurin beinahe in den See gestürzt hätte, als der Interpret von Eternal Flame fälschlicherweise als Atomic Kitten benannt wurde. Es sind the Bangles. Nur the Bangles. Keine Diskussion). Für das teilweise junge Publikum gibt es ein Postamt, wo man Mutti eine Ansichtskarte schicken kann, ganz in Landschulheimmanier und natürlich nicht zu vergessen ist das Wettbüro, denn jedes Jahr gibt es einen geheimen Headliner, der erraten werden möchte und für den ausgelosten Naseweis winken dann tolle Preise. Auf dem Zeltplatz gibt es eine Flunkyball-Arena mit höchstoffiziellem Turnier, den neu ins Leben gerufene Kamp mit K Bereich (Glückwunsch an die Mexikamper, die wir im Vorfeld zum Interview gebeten haben) und einen kleinen Shop. Kulinarisch hat das Kosmonaut auch ganz schön was zu bieten: Von vegan über vegetarisch bis hin zu Fleischeslüsten- es ist wirklich für jeden etwas dabei. Die Preise sind festivaltypisch erhöht, aber noch erschwinglich und auch hier gilt: danach Geld, danach Ware. Für selbstgemachte Kässpätzle und liebevoll frittierte Corndogs von kleinen Foodtrucks zahle ich gerne 50ct mehr- dafür schmeckt es halt auch geiler. Der Merch hingegen ist wirklich schülerportmonnaifreundlich und sieht auch immer echt gut aus. Es gibt Socken, Beutel, Shirts, Caps, Hoodies und Badehosen, damit der Kosmonaut von heute auch stilvoll abfeiern kann. Das ist vor Allem auch deshalb möglich, weil die Stimmung in diesem Idyll so gut ist. Das Kosmonaut Festival ist wohl das friedlichste, bestgelaunteste und gechillteste Festival Deutschlands. Vom Publikum über die Securities bis hin zum Gastronomie-Personal und vor allem den Musikern haben alle jederzeit ein Lächeln auf dem Gesicht, was die Feierei wirklich wesentlich angenehmer macht. Ob das am wirklich überdurchschnittlich jungen Publikum liegt (hier regiert der Muttizettel), das einfach noch nicht weiß, dass es auf jedem Festival ein paar Quotenarschlöcher gibt? Hoffentlich finden sie es nie raus.

Kommen wir jetzt aber zum Kern der Veranstaltung- der Musik: Das Kosmonaut setzt nicht auf große, internationale Namen, sondern überwiegend auf Künstler der aktuellen deutschsprachigen Popkultur. Dieses Jahr mit dabei sind unter Anderem die grandiosen Goldroger aus Köln (Anspieltipp: Perwoll), und die nicht minder grandiosen Sofi Tukker, die für ein bisschen Fusion-Flair sorgen. Olli-Mausi Schulz, gewohnt gut gelaunt aber auch immer mit einer Sorgenfalte auf der Stirn, beeindruckt mit seinen flotten Sprüchen und seiner tiefgründigen Musik, der Schweizer Faber wartet mit ganz schön versauten Texten (aber hallo!) auf, künstlerisch verpackt in einen poppigen Gypsie-Sound, den man so vom Nino aus Wien und Voodoo Jürgens kennt und die unfassbaren Meute versammeln zu ihrem Beat-Feuerwerk eine ganze Menge Leute vor der Atomino-Bühne, obwohl gleichzeitig Feine Sahne Fischfilet spielt. An dieser Stelle wünschen wir Monchi schnelle Genesung und Demjenigen, der ihm in den Finger gebissen hat ewigen Bierschiss. Auch Drangsal kommt heute wesentlich besser an als noch am Vorwochenende beim Southside-Festival, in Chemnitz bockt sein Auftritt total. Milky Chance machen richtig Stimmung, obwohl der letzte Hit doch bereits eine Weile zurückliegt. Das Highlight des Festivals ist jedoch ohne Zweifel der Auftritt der Lokalmatadore Kraftklub. Im Gegensatz zum Propheten im eigenen Land werden sie hier gefeiert wie der Messias selbst – und das zu Recht. Auch Songs wie Ich will nicht nach Berlin und Karl-Marx-Stadt erlangen im Kontext des Chemnitzer Stadtbildes eine ganz neue Relevanz. Wenn ein Chemnitzer ohne Perspektive davon singt, nicht nach Berlin zu wollen- das ist schon ein anderes Kaliber, als wenn das der umtriebige Böblinger bei Stuttgart mitschwäbelt. Die junge Generation kommt nicht zu kurz- Trettmann, RAF Camora, UFO361, Juse JU, Yung Hurn… allesamt aus der neuen Generation von Rappern mit denen der gemeine Mensch über 25 schwerlich etwas anzufangen weiß. Das wird vor allem beim Geheimen Headliner deutlich. Anstatt eines Einzelkonzerts wie in den letzten Jahren gibt es diesmal ein Medley von mehr oder weniger talentierten (Cloud-) Rappern. Der Vorhang fällt und statt eines verzückten Jubels bricht erstmal gar nichts aus. Wer ist der Typ da auf der Bühne fragen sich die einen, während die anderen bereits unter Buh-Rufen Becher gen Bühne schmeißen. Gnädiger weise löst der Herr auf der Bühne die Situation selbst auf: „Wart ihr noch nie auf einer RIN-Show?“ Rin aus Bietigheim, das ist doch der, der darüber rappt, wie er sich ein Kondom über seinen Pillermann stülpt – oder eben weglässt, Fuckboy-Rapper-Style. Zum Glück ist der Spuk kurz darauf vorbei und nach kurzer Pause kommt der nächste Clown auf die Bühne- Bausa. Bausa-wer? Der, der mit seiner Single Was du Liebe nennst als erster Rapper DIAMANT-Status in Deutschland geholt hat. Kommt trotzdem nicht so gut an. Jetzt fehlt eigentlich nur noch Moneyboy, um das Publikum rasend zu machen. Danach ein kurzer Lichtblick: Lieblingsrapperin Haiyti gibt sich kurz die Ehre, aber für einen Headliner Slot ist sie noch nicht bereit. Und weiter geht das Ringelreihen, der Panda übernimmt die Bühne. Cro, den kennen immerhin alle, aber so ein richtiges Konzertfeeling will sich nicht einstellen. Abschließend kommen Casper und Marteria– jetzt bricht wirklich frenetischer Jubel aus. Leider ist deren 1-Song Kurzauftritt einfach nur Promo für das gemeinsame Album und das Publikum steht ratlos und unbefriedigt nach einem Auftritt, der 20 Minuten zu spät angefangen hat und dafür fünf Minuten früher beendet wird, vor der leeren Bühne.

Vielleicht ist das ein Ding der neuen Generation Spotify. Vielleicht ist ein Full length Konzert mit 25 Songs einfach nicht mehr zeitgemäß und die Aufmerksamkeitsspanne der U20 jährigen zu kurz? Es hätte auch gut werden können, indem sich die Rapper gegenseitig auf der Bühne mit einem Freestyle Rap abklatschen. Aber das können sie nicht, diese Königsdisziplin beherrschen nur die Wortakrobaten der alten Schule. There’s no freestyle in the Cloud.

Allerdings muss man darüber hinaus auch kritisch anmerken, dass ein Festival, das offensichtlich gegen Homophobie, Rassismus und Sexismus steht, auf Künstler wie Rin, die darüber philosophieren, wie sie Girls Mollys ins Glas schmeißen um sie danach flachzulegen, konsequenterweise verzichten muss.

Trotzdem, das Kosmonaut Festival ist und bleibt eines der schönsten deutschen Festivals und ist auch 2019 fix in den Festivalkalender eingetragen- dann vielleicht wieder mit einem stringenten Geheimen Headliner.  Das Preis-Leistungsverhältnis ist unschlagbar, die Stimmung unvergleichlich und außerdem- auf welchem anderen Festival wird der Zeltplatz früh morgens von Acts wie Kraftklub, Casper oder Marteria geweckt? Das gibt’s nur bei den Kosmonauten!

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Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

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