20 Jahre Southside Festival! So war es 2018

In der 20jährigen Geschichte des Southside Festivals ist Einiges passiert. Angefangen mit dem Eklat 1999, damals noch in Neubiberg, als das Publikum nach dem abgebrochenen Auftritt von Marylin Manson die Bühne erst mit Schlamm beworfen und letztendlich gestürmt hat und selbst der Bürgermeister des beschaulichen Städtchens bei München die Masse nicht zur Raison bringen konnte (das hat dann erst Sandra Nasic von den Guano Apes geschafft), bis hin zum Abbruch 2016, als das Gelände einfach abgesoffen ist. Beim SoSi war so ziemlich alles an erdenklichen Festivalsituationen dabei.

Pünktlich zum Jubiläum aber hat der Wettergott ein Einsehen und beschert uns drei Tage Sonne, wenngleich auch die Temperaturen nachts bis auf 4.5 Grad zurückgehen. Das ab Samstag mit 60.000 Zuschauern ausverkaufte Festival im schwäbischen Neuhausen ob Eck besticht wieder mit feinster Musik aus Indie, HipHop, Elektro und Metal- eine Mischung, die offensichtlich beim Publikum aus Deutschland, Österreich und der nahegelegenen Schweiz gut ankommt. Nicht nur die Veranstalter, auch die Polizei, das THW und die Johanniter sprechen von einem ausgesprochen ruhigen und friedlichen Festival. Neben einem indielastigen Line Up gibt es auch in diesem Jahr wieder viele Bespaßungsmöglichkeiten abseits der Bühnen. Das mittlerweile obligatorische Riesenrad, eine Customize-Area von Levi’s, der Platzhirsch von Jägermeister mit kleiner Stage, die Chill Out Lounge einer tierischen Zigarettenmarke… um nur einige zu nennen. Neu und nur was für Besucher mit dicker Brieftasche, ist die VIP-Lounge, von der man einen tollen Blick auf die Green Stage hat und in gediegenem Ambiente (oder Abinente? Egal, Hauptsache Saufen!) eine andere Art von Festivalflair erleben kann.

Weil man sich nicht alle Bands anschauen kann, haben wir unser Bestes gegeben und eine Menge Liveimpressionen für euch gesammelt:

Der Freitag startet für uns mit Tonbandgerät, die dieses Jahr zum ersten Mal beim Southside Festival auftreten. Die Hamburger Band um die Poppensieker Schwestern schlagen sich ganz gut, auch wenn die Publikumszahl vor der Blue Stage wirklich sehr überschaubar ist.

Drangsal absolviert seinen Auftritt auf der White Stage, einem der beiden Bühnenzelte. In dieser Atmosphäre geht er etwas unter, es kickt nicht richtig und ist sicherlich auch nicht einer seiner besten Auftritte.

Black Rebel Motorcycle Club im Anschluss auf der Green Stage lassen die Luft durch ihre Coolness gleich 5 Grad kälter werden. Wie immer ganz in schwarz und teilweise Leder, mit Sonnenbrillen, liefern die Amerikaner ein sauberes Konzert für die Alternative Rock Fans ab. Hits wie Ain’t no easy way, Berlin und what happened to my Rock n Roll zünden beim festivaltypisch jungen Publikum, wobei ab und zu ein Lächeln der Band auch gut zu Gesicht stehen würde.

Der Rapper MHD bringt derweil die Stimmung vor der Blue Stage zum Kochen. Sein Afro Trap kommt an, das Publikum bounct hemmungslos und er selbst präsentiert sich oberkörperfrei mit goldener Uhr, goldener Kette und goldener Sonnenbrille. Manche Rap-Klischee-Bilder überdauern bis in alle Zeit. Sei’s drum, der Erfolg gibt ihm recht.

Auf der Green Stage gibt es ein wahres Punk-Highlight: NOFX, die Punk Urgesteine aus L.A. der ironische Titel ihres Live Albums aus dem Jahre 1995 lautet: I heard they suck live! Tun sie aber gar nicht, im Gegenteil, dieser Auftritt macht richtig Spaß! Sänger Fat Mike präsentiert sich keck im Kleidchen, das ihm auf skurrile Art und Weise wirklich außerordentlich gut steht, die Bühne ist ob der ganzen paradiesvogelartigen Musiker kunterbunt und spätestens beim Smash Hit Kill All The White Men wird jeder für fünf Minuten zum Punker. Natürlich lassen es sich NOFX nicht nehmen, ihren Unmut über das aktuelle politische Geschehen in Amerika kund zu tun. Chapeau für eine Punkrock-Revolution seit 1983!

Die Indie -Götter von Franz Ferdinand aus Glasgow sind das erste richtige Highlight des Tages. Alex Kapranos‘ verwegene Bühnenagilität ist mittlerweile ebenso legendär wie die Hitsingles Take me out, Do You Want To, Darts Of Pleasue, Walk Away, No You Girls… die Liste lässt sich fast unendlich fortführen, denn Franz Ferdinand produziert just killers, no fillers! Im Vergleich zum Club-Konzert im Berliner Tempodrom im März 2018 ist das Set auf dem Southside angenehm oldschool gehalten. Auch der Sound ist gut, die Sonne scheint spätnachmittäglich- besser geht’s fast nicht.

Keine Nacht für Niemand heißt es im Anschluss auf dem Southside, denn die Band mit K ist da! Kraftklub, die wohl populärste Deutsche Band der jungen Musikszene, reißt alles ab. Die Jungs aus Karl-Marx-Stadt stellen abermals ihre Live Qualitäten unter Beweis und rocken 75 Minuten lang die Green Stage, die wohl zuletzt gefühlt bei Rammstein vor etlichen Jahren so voll war. Tatsächlich bestätigt sich dieser Verdacht, in der abschließenden Pressekonferenz spricht man von 52.000-56.000 Zuschauern bei diesem Konzert. Die Lyrics zu Schüsse in die Luft, Ich will nicht nach Berlin, Wenn du mich küsst oder Hand in Hand sind mittlerweile so in das kollektive Gedächtnis eingebrannt, dass die Anzahl derer, die nicht mitsingen, verschwindend gering ist. Interessant auch zu sehen, wie sich auch im Laufe der Jahre die Bühnenperformance gewandelt hat. Von einer unspektakulären, soliden Liveshow hin zu einem Brimborium an Knalleffekten, Bengalos, Tänzerinnen und aufblasbaren Dingen. Das macht Lust auf die anstehenden Gigs auf dem Kosmonaut Festival und dem bereits seit Monaten restlos ausverkauftem Event auf der Berliner Wulheide.

Die Arctic Monkeys, ebenfalls Koryphäen des Indie-Rock, treten, wie auch bereits in der Berliner Columbia Halle im Mai, mit einem leuchtenden Schriftzug auf, auf dem nur noch Monkeys steht. Eisige Stimmung auf dem Planeten der Affen oder hat sich mit Tranquility Base Hotel & Casino nicht nur der Sound (Ist jetzt mehr so Amy Winehouse meets Alex Turner meets The Munsters) sondern auch der Name geändert? Der Style ist zumindest eine Mischung aus 70er Porno, 80er Lederjacken und 90er Charme. Wie auch immer, den Headliner Slot haben sie sich verdient, die Performance ist intensiv, sexy, Indie und Alex Turner ist immer noch einer der schönsten Frontmänner der Szene. Wer bei Do I wanna know, four out of five, Crying Lightning oder I bet you look good on the Dancefloor regungslos stehen bleibt, der hat keine Seele.

 

Unser wahrer Headliner ist aber Bonaparte. Tobias Jundt und seine Band rocken die Red Stage, die richtig voll ist, obwohl nebenan noch Kraftklub spielen. Das 60minütge Set ist ein Querschnitt durch Jundt‘s musikalisches Schaffen der letzten Jahre. Auch die Bühnenperformance überzeugt. Der kunterbunt-skurrile Zirkus ist Vergangenheit, jetzt gibt es Bläser, den legendären Performance Künstler Lulu Rafano und die bezaubernde Tänzerin Federica aus Rom. Wer noch nie auf einer Bonaparte Show war, dem sei gesagt: Es ist eine Grenzerfahrung. Entweder man liebt den Auftritt, oder man hasst ihn- Bonaparte ist keine Band für Mittelmäßigkeit. An diesem Abend hört das Publikum sogar einen neuen Song (auf Deutsch!) mit dem mutmaßlichen Arbeitstitel Spiel mir das Lied vom Tod. Ein interessanter Beat mit einem Text, der die Post-Pop-Punk-Jazz-Musik Ära behandelt. Das Publikum feiert die Songs der letzten Platte The Return of Stravinsky Wellington, wie zB White Noize sehr, aber natürlich sind es die treibenden Hits wie Anti Anti oder Wir sind keine Menschen, die die Red Stage zu einem Hexenkessel machen. Die Zugabe Into the Wild beendet den durchweg fantastischen Auftritt. Wir hoffen auf ein baldiges neues Album und eine dazugehörige Tour. Die Setlist für Kenner: Melody X, White Noize, Anti Anti, Fuck your accent, Manana forever, Halfway House, Do you wanna party, Computer in Love, Wash your thighs, Wir sind keine Menschen, out of control, Quarantine, Spiel mir das Lied vom Tod, Too much, Into the wild.

 

 

Am Samstag eröffnen The Glorious Sons den Tag auf der White Stage. Die in Deutschland noch relativ unbekannten Kanadier ziehen dennoch eine ordentliche Menge an Zuschauern ins Zelt und präsentieren ihren groovigen Rock N Roll-Sound. Wir haben uns nach dem Gig mit den Brüdern Brett und James Emmon zum Interview getroffen. Was wir über die Band erfahren haben, könnt ihr ebenfalls auf Gringoz-Magazine.de nachlesen. Anspieltipp zum Reinhören: Everything is alright

 

Juse Ju ist längst kein Geheimtipp mehr, was auch die halbvolle Red Stage rechtfertigt. Der Rapper hat sich für seinen Liveauftritt auch Fatoni eingeladen, was das Publikum begeistert abfeiert. Ein liter und tighter Gig. Im Herbst kommt Juse Ju auf Deutschlandtour- von uns eine ganz klare Live Empfehlung!

 

Auf der Green Stage gibt es parallel dazu Pop Punk von Neck Deep a la Good Charlotte und Blink 182. Die Mucke macht Laune und der Moshpit gefällt auch Sänger Ben, der fröhlich verkündet: „You know what I like about Germany? The Mosh! Keep it up!“ Machen wir, Ehrenwort!

 

Die Donots setzen nochmal eine Schippe drauf und erobern das Publikum im Sturm. So viel positive Energie ist kaum auszuhalten und als dann sogar Jesus auf die Bühne geholt wird, kommt auch noch göttlicher Beistand dazu. Immerhin sparen sie sich heute Do they know it’s Christmas zum Besten zu geben. Fast schon unverschämt gut kommen hingegen die Hits wie Whatever happened to the 80ies oder We’re not gonna take it an.

 

George Ezra auf der Blue Stage bringt gewohnt lässig seinen entspannten Indiepop Sommerflair nach Neuhausen. Mit im Gepäck hat der Engländer mit der Reibeisenstimme Gassenhauer wie Budapest, Barcelona und Shotgun. George Ezra bringt auf seine Art und Weise das Interrail-Feeling mit, das Jugend, Abenteuer und Unbeschwertheit verkörpert. Gut vorstellbar, dass während des Sets hochtrabende Pläne für den nächsten Backpacker Urlaub geschmiedet werden.

 

Die Wiener Wanda, mit ihrem wieder über alle Maße gutgelaunten Sänger Marco, performen routiniert ihr bewährtes Set. Das Publikum ist textsicher, nicht zuletzt, weil auch viele Gäste aus Österreich angereist sind. Der solide Gig beginnt mit Bologna. Auch Auseinandergehn ist schwer oder Lasciami fare sind vertreten. Wer mehr über Wanda live lesen möchte, dem sei unsere Live Review aus der Fürther Stadthalle ans Herz gelegt.

 

Während sich der Großteil der Besucher zum Public viewing schleppt um sich das Vorrundenspiel Deutschland gegen Schweden anzuschauen, spielen auf der Blue Stage London Grammar. Das britische Indiepop Trio liefern die perfekte Vorabendstimmung zum beginnenden Sonnenuntergang.  Vor dieser fast magischen Kulisse performen London Grammar und Sängerin Hannah fehlerfrei. Hits wie Hey now und Strong und treffen den Nerv des andächtig lauschenden Publikums. Vielleicht sind London Grammar ein bisschen zu wehmütig für so ein fröhliches Musikfest, aber es muss ja nicht immer Discopogo sein.

 

Die Broilers lassen sich nicht davon beirren, dass das Fußballspiel noch läuft, als sie ihr Set beginnen. Durch den glücklichen Sieg der Nationalelf beschwingt feiert das stetig wachsende Publikum die Punkrocker aus Düsseldorf. Beim Song  Ihr da oben werden im Hintergrund Fotos von Verstorbenen eingeblendet, die Fans der Band bereitgestellt haben. Das ist der Gänsehautmoment des Konzerts und der ein oder andere hat anscheinend „Etwas ins Auge bekommen“.  Meine Sache, mein Problem bringt das Publikum wieder in Wallung. Solide Show, sauber abgeliefert. Weitermachen!

 

Two door cinema club warten mit feinstem Indie-Pop auf und bringen vor der Blue Stage die Indie Cindies zum Hüpfen. Wie kann man sie aber auch nicht lieben, angezogen wie aus dem Hipsterkatalog mit Hut, Lederjacke und gemusterten Hemd zu den hautengen Röhrenjeans, die in den beigen Stiefeletten stecken. Alle Hits werden zum Besten gegeben, von Changing all the Seasons über ihre erste Single Something good can work bis hin zu Sun– kein Wunsch bleibt bei diesem Indiefeuerwerk unerfüllt. Special Props an die fünf Mädels vorne links vor der Bühne, die ihren Tanzkreis für andere Frauen und eine Rollifahrerin geöffnet und alle zum Feiern animiert haben- so geht Frauensolidarität!

 

Billy Talent im Anschluss liefern ein makelloses, bekanntes Set ohne Überraschungen. Bewegend ist der Moment, in dem Aaron Solowniok, der an Multipler Sklerose erkrankte ehemalige Drummer der Band, für ein paar Songs auf die Bühne kommt. Rusted from the Rain hat man schon oft gehört, aber so intensiv wie an diesem Abend wohl selten.  Der Fluch der überprofessionellen Headliner ist, dass es nichts Neues zu berichten gibt, außer eine konstant gute Liveperformance zu attestieren.

 

Dann, spätnachts, ist es endlich so weit. Der Endboss stürmt die Bühne! Die Rede ist natürlich von Marteria! Zwischen Blue Stage und White Stage gibt es kaum noch einen Zentimeter Platz, als Marten zu den ersten Klängen von – wie sollte es anders sein- Endboss erscheint. Der Groove greift sofort auf das Publikum über und das ganze Gelände bounct! So geht es das ganze Set hindurch- Zeit zum Verschnaufen gibt es wenig. Natürlich stattet auch unser Lieblingsalien Marsimoto dem Southside einen kurzen Besuch ab. Mit neuem Album im Gepäck färbt er das Gelände grün, bis Marteria sich die Bühne zurückholt und die Masse mit seinen Hits wie Kids, Lila Wolken oder Marteria Girl ködert. Was für ein fulminanter Abschluss des Samstags!

 

Der letzte Tag des Festivals beginnt für uns mit Stick to Your Guns. Trotz der härteren Gangart feiert das Publikum die Metalcore-Giganten. Nach dem Auftritt haben wir Jesse auf ein weird case Szenario Interview getroffen, haltet also die Augen auf unserer Homepage offen, es lohnt sich!

 

Auch Underoath durften wir im Rahmen des Southside Festivals interviewen. Bassist Chris stand uns Rede und Antwort. Der Gig der ehemals christlichen Metalband geht steil nach vorne. Befreit vom Korsett der Religiösität überschwemmt die Zuschauer ein brachiales Metalbrett mit emotionalen Texten über Hass, Wut und Trauer.

 

Auf der Blue Stage haben derweil die Hip Hopper das Zepter übernommen. Unser liebster Freischwimmer Dendemann rappt alles in Grund und Boden. Gelernt ist gelernt, schließlich ist der Dendemeier ja schon seit den 90ern in der deutschen Rapszene aktiv. Vielleicht wird Casper’s (und unser) Wunsch ja doch erhört und es gibt irgendwann wieder ein neues Album von EinsZwo?

 

Die Beginner spielen seit ihrem Comeback wieder ganz oben in der deutschen HipHop Liga mit und die Füchse bestechen durch hammerharte Hits für ihre Posse! Jetzt sagt man auch in Neuhausen Digger!

 

Madsen, die Vorzeige-Indie Rocker aus dem Norden bringen Mädchenherzen zum Schmelzen mit Hits wie Lass die Musik an oder Du schreibst Geschichte. Natürlich darf auch Die Perfektion nicht fehlen und obwohl es schon Sonntag ist, feiert das Publikum die Band, als wäre es erst Freitag. Viele Herzen fliegen gen Bühne.

 

Die Herzen der weiblichen Festivalteilnehmer werden dann aber allerspätestens von The Kooks erobert. Kaum jemand wird sich dem Charisma von Sänger Luke Pritchard entziehen können. Ooh La sagen wir da nur. Und das alles bei immer noch bestem Wetter!

 

Auch das schönste Festival geht irgendwann zu Ende und nachdem wir noch einen Abstecher zu Pennywise und Boysetsfire gemacht haben stehen wir schon beim Auftritt von The Prodigy. Der Sonntagabend Slot ist denkbar ungünstig für diese Band gewählt, da die Abreisewelle bereits in vollem Gange und das Energielevel auf dem Tiefpunkt ist. Der harte Festivalkern feiert die Briten dennoch wild tanzend ab. Man muss Prodigy lassen, dass auch über 20 Jahre später Songs wie No Good, smack my bitch up oder Breathe genauso kicken, wie damals. Der unverwechselbare Sound der Technopioniere ist unerreicht.

 

Text: Désirée Pezzetta

Fotocredit: Niici Photography

 

About The Author

Eine Italienerin in Franken. Popkulturelle Geisteswissenschaftlerin. Geht jährlich auf über 100 Konzerte von David Hasselhoff bis Heaven Shall Burn. Mag Katzen, Pasta und Weinschorle. All time favourite Band: Bonaparte

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