Home Interviews Wie sieht es aktuell in der Veranstaltungsbranche aus? – Im Interview mit Jan von Spider Promotions

Wie sieht es aktuell in der Veranstaltungsbranche aus? – Im Interview mit Jan von Spider Promotions

by Kevin

Aufgrund der aktuellen Lage finden derzeit kaum Konzerte statt. Dieser Umstand nagt erheblich an der Veranstaltungsbranche. Alle Involvierten versuchen gerade das Bestmögliche zu machen, wie zuletzt auch in Berlin bei der Warnstufe Rot Demo zu sehen. Wir sprachen mit Jan von Spider Promotion über die derzeitige Lage, also wie sie als Veranstalter, Booker und Promotionsfirma mit dem großteils immer noch anhaltenden Lockdown umgehen. Was Jan uns zu erzählen hat und er über Verbote von Konzerten denkt, erfahrt ihr hier bei uns im Interview.

Gringoz: Hallo Jan, es freut uns, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast. Beschreib unseren Lesern doch bitte einmal was genau du bei Spider Promotion machst und worum es bei Euch eigentlich geht?

Jan: Hi Kevin, die Freude ist ganz meinerseits. Ich habe Spider Promotion vor 12 Jahren gegründet. Die Ausgangsfrage war damals „Warum gibt es soviele gute Bands aber so wenig Bookingagenturen, die sich um diese kümmern?“ Ich bin zu der Zeit selbst aktiver Musiker gewesen, habe meine eigene Band gebucht und habe dann damals – zugegeben ein bisschen blauäugig – den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt, weil ich dachte, das muss doch auch für andere möglich sein. Die Idee war die komplette Leistung von Management, Promotion, Coaching und Booking aus einer Hand zu bieten, quasi das zusätzliche Bandmitglied zu sein. Etwas später kam dann mein Kollege Peti dazu und seitdem arbeiten wir zu zweit. Wir buchen europaweite Tourneen, managen Künstler, machen Werbung. Wir sind aber auch Ratgeber und versuchen unseren Künstlern zu helfen Fehler zu vermeiden, die man selbst gemacht hat. Insgesamt buchen und wickeln wir pro Jahr mehr als 400 Konzerte ab. Vom kleinsten Venue bis zum Olympiastadion war da schon alles dabei. Wir arbeiten sehr eng mit unseren Bands zusammen und verstehen uns als Familie. Übrigens: Mittlerweile kenne ich die Antwort auf die Frage vom Anfang. :o)

Gringoz: Für viele Leute aus der Kulturbranche ist es aktuell alles andere als leicht; sei es als Musiker*in, Booker*in, Managment Agentur, Promotor*in und noch viele mehr hinter den Kulissen. Wie geht Ihr als Team und du persönlich mit der gegenwärtigen Situation um, dass so gut wie keine Konzerte oder Festivals stattfinden können?

Jan: Die aktuelle Situation ist für viele Menschen eine Herausforderung. Das ist eigentlich schon zu positiv formuliert, denn durch die fehlende Perspektive und die Nichtbeachtung der Politik ist es eher ein frustrierender Kampf um die eigene Existenz und die unserer Künstler, Partner und Kollegen. Anfangs hat man ja noch gedacht, mit Durchalteparolen und Solidarität geht das ganz gut und in Kürze ist der Spuk vorbei. Das ging auch ganz gut los. Das Verschieben der Konzerte hat sogar großen Spaß gemacht, weil die Veranstalter mit denen wir arbeiten, ausnahmslos einen super Job gemacht haben und man schnell und kollegial für alles Lösungen gefunden hat. Auch unsere Bands verhalten sich so, wie man es sich nur wünschen kann, sind flexibel und unterstützen uns, wo sie können. Das war/ ist gelebte Solidarität und hat einen aufgebaut. Wenn dann alles immer schlimmer wird und man irgendwann zum 4. Mal einen Termin verschiebt, die finanziellen Hilfen nicht dort ankommen wo sie hingehören und man seit März von dem leben muss, was eigentlich mal als Altersvorsorge gedacht war, hört der Spaß irgendwann auf.

Gringoz: Ihr vertretet ganz unterschiedliche Bands, wie zum Beispiel TEQUILA AND THE SUNRISE GANG, Abstürzende Brieftauben, Elfmorgen und viele mehr. Bands, die seit Jahren feste Bestandteile der Festival- und Clubszene in ganz Deutschland sind. Wie ist Eure Reaktion als Agentur auf das Wegbrechen dieser einst essenziellen Komponenten? Wie sieht für Euch das neue Normal aus?

Jan: Unsere Künstler haben sehr unterschiedlich auf die Situation reagiert. Es gab Bands, die gesagt haben „wir spielen was geht“ um irgendwie Einnahmen zu generieren, denn nur so verdienen wir auch etwas mit unserer Arbeit. Es gab andere, die sich nicht wohl gefühlt haben, nichts riskieren wollten und deshalb lieber pausieren als Corona-Konforme Konzerte zu spielen. Für uns war von Anfang an klar: Wir respektieren jede Entscheidung unserer Künstler, egal wie die aussehen mag. Nur so kann es funktionieren und nur so kann man diese Krise auch meistern. Jeder muss für sich seinen Weg finden, der passt und man muss Achtung vor dem Sicherheitsgefühl der anderen Menschen haben und dieses auch zu 100% respektieren. Wir wollen keine Aluhüte in unseren Reihen. Aber natürlich ist auch klar, wenn unsere Bands nicht auftreten, verdienen wir gar nichts. Das ist finanziell eine Katastrophe, menschlich aber nachvollziehbar. Mirco von den Brieftauben hat zu mir am Telefon gesagt „Hage, wenn wir uns am Ende neu erfinden müssen, dann ist das eben so.“ Über diesen Satz habe ich lange nachgedacht und ich finde da steckt viel Wahres drin.

Gringoz: Glücklicherweise können vereinzelt und unter Auflagen wieder Konzerte seit Mai durchgeführt werden. Erst als Autokinos und dann als Open Airs mit aufwendigem Sicherheits- und Hygienekonzepten. Aus den gegebenen Gründen bleibt es also zumeist bei Einzelshows. Dass Ihr mit der schwedischen Band Tribe Friday eine ganze Deutschlandtour auf die Beine gestellt habt ist in diesen Zeiten ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal. Was hat Euch dazu bewegt, diesen Schritt zugehen und damit, was Touren angeht, eine wegweisende Funktion für andere Agenturen zu übernehmen? 

Jan: Um ein Wegweiser für andere zu sein, sind wir sicherlich eine zu kleine Bude :o) So wichtig nehmen wir uns auch grundsätzlich nicht. Aber natürlich ging es darum ein Zeichen zu setzen. In Bewegung zu bleiben, tolle Momente für Musik-Freaks wie uns zu schaffen und dem Virus den Stinkefinger entgegen zu strecken. Finanziell ist so eine Tour nicht mal im Ansatz durchführbar. Umso begeisterter waren wir, als wir merkten dass sowohl die Band, als auch unsere Veranstalterkollegen sofort Feuer und Flamme für den Plan waren. Da müssen wir ein großes Dankeschön für all das Herzblut aussprechen. Wir wollten endlich mal wieder etwas Positives schaffen. Und ich hoffe das ist uns gelungen. Tribe Friday sind eine so fantastische Band, die muss man sich unbedingt anschauen!

Gringoz: Von den anfänglichen 15 Shows, die Tribe Friday geplant hatten, sind nun noch sechs übrig. Wie sind Eure Erfahrungen bisher gewesen? Welche Voraussetzungen mussten erfüllt werden, damit überhaupt eine Tour zu Stande in dieser Form Zustande kommen kann? 

Jan: Es ging in erster Linie darum, dass alle Venues ein Hygienekonzept genehmigt bekommen. Nach diesem haben wir uns dann gerichtet. Teilweise wurde einfach die Kapazität drastisch reduziert, damit Abstände eingehalten werden können, teilweise haben wir Konzerte nach draußen verlagert oder in größere Venues verlegt. Es war immer ein großer Kampf mit den Behörden, weil man immer warten musste, bis von dort das „Go“ kommt und man nie 100% planen kann. Alles kann ja auch von heute auf morgen wieder verboten oder geändert werden. Wir sind dankbar dass die Veranstalter diese Mühe auf sich genommen haben. Das lief super.

Gringoz: Um noch einen drauf zu legen habt ihr diese Woche außerdem ein kleines Festival angekündigt mit dem klangvollen Namen „Sitzendes Hofffest“ in Hannover. Insgesamt finden 96 Leute Platz und kriegen bis zu vier Bands geboten. Was bedeutet es für Euch dieses Festival durchführen zu können?

Jan: Das Hoffest richten wir seit 2 Jahren zusammen mit dem Béi Chéz Heinz und dank der Unterstützung der Privatbrauerei Herrenhausen aus. Das Hoffest war aber auch vorher schon eine Institution, ein toller Termin Jahr für Jahr. Wir konnten hier sehr viele schöne Erinnerungen sammeln und Momente erleben, so dass wir das irgendwie auch in diesem Jahr hinfummeln mussten. Und dank der Unterstützung aller hat es dann auch geklappt.

Gringoz: Donnerstag dann allerdings wieder ein weiterer Rückschlag:
Die Regierung hat bekannt gegeben, dass Großveranstaltungen mindestens bis Ende des Jahres untersagt bleiben. War das ein Schock für Euch? Wie  ist sieht Eure Planung für das verbleibende Jahr aus?

Jan: Nein, das hat uns eigentlich gar nicht überrascht, deshalb auch kein Schock an dieser Stelle. Da es bei uns häufig um kleinere Veranstaltungen bis 250 Personen geht, hat so ein Verbot natürlich eine Signalwirkung, trifft uns aber indirekt. Wir hoffen immer noch sehr, dass sich für kleinere Konzerte Wege finden lassen, diese sicher und sinnvoll stattfinden zu lassen. Die Konzerte, die ich bisher besucht habe waren allesamt fantastisch organisiert. Niemand kümmert sich so verantwortungsvoll um die Sicherheit der Gäste und die Einhaltung der Reglements wie Kulturschaffende. Jeder „normale“ Schritt vor die Tür ist da „ gefährlicher“ als aktuell ein Konzert zu besuchen. Ich hoffe, dass die Politik das auch einsehen wird. Und natürlich hoffe ich für alle Kollegen/innen das Beste, egal wie groß oder klein. Wir müssen alle zusammenhalten und hängen auch alle voneinander ab.

Gringoz: Was bedeutet das für die Kulturszene im Allgemeinen? Wie fallen Eure Prognosen aus? Große Touren im Frühjahr 2021 und Festivals im Sommer?

Jan: Ich glaube dass es Festivalkonzepte geben wird, die im Sommer funktionieren. Unter freiem Himmel ist ja alles grundsätzlich einfacher umzusetzen als indoor. Ich vermute dass die großen Hallenkonzerte mit internationalen Künstlern, die letzten sind, die wir wieder erleben werden. Aber dafür tragen nicht nur die Politik und Veranstalter die Verantwortung, sondern auch jeder einzelne Konzertgänger. Wenn niemand mehr auf Konzerte geht, kann das nicht funktionieren. Wirtschaftlich muss der ganze Krempel ja auch noch sein. Da sind also noch viele Hürden zu nehmen, bevor diese Ziele erreicht werden können und die Politik muss in Diskussionen mit unserer Szene gehen. Niemand von uns möchte Leben gefährden oder kopflos handeln, aber wir brauchen jetzt umsetzbare Vorgaben und Rahmenbedingungen, die uns zumindest unseren Job ausüben lassen. Oder, wenn das eben nicht geht – finanzielle Unterstützung, die auch ankommt, wie jeder andere Wirtschaftsbereich.

Gringoz: Während der Coronazeit hatten wir schon die Gelegenheit mit einigen Bands, wie Mando Diao, Cold Years oder auch Heaven Shall Burn zu sprechen. Diese wussten davon zu berichten, wie sie die zusätzliche Zeit nutzten, um neue Musik zu schaffen oder sich einfach auf die Familie zu konzentrieren. Wie sieht es damit bei Dir aus, neue Projekte oder Zuflucht in Familie? 

Jan: Da ich aktuell genauso viel arbeite, wie ohne Corona (nur eben ohne Einkommen) bleibt keine Zeit für neue Projekte. Aber ja, das auf die „wichtigen“ Sachen konzentrieren hat was. Ich hatte das Glück den Beginn der Krise bei meiner Freundin in der Schweiz zu erleben. Durch die geschlossenen Grenzen hätten wir uns sonst 3 Monate nicht sehen können, da wäre selbst ich zum Wutbürger geworden. Und die Schweiz hat natürlich ganz viel tolle Natur, die man entdecken kann. Das haben wir auch getan. Viel Sport, viel gewandert und versucht zu verstehen, was da mit einem und der Welt geschieht. Es war den Umständen entsprechend eine sehr schöne und wichtige Zeit. Und Schweizer kloppen sich übrigens auch nicht um Klopapier. :o) Aber natürlich war das Ganze auch ein Schock und ist es immer noch. Wenn die eigene Existenz von heute auf morgen auf der Kippe steht, ist das nicht schön. Aber ich habe schon härtere Schicksalsschläge überstanden und werde das auch dieses Mal tun. Schlimmer geht immer.

Gringoz: Was steht bei Dir und Euch aktuell im Mittelpunkt, um das Beste aus der jetzigen Situation zu machen? Könnt ihr mit einem motivierenden Motto oder guten Rat aufwarten?

Jan: Die Krise hat mir gezeigt, dass man sich – bei allem Ehrgeiz und Antrieb – manchmal wieder locker machen muss. Nicht alles ist so wichtig wie man es immer macht. Gleichzeitig habe ich über mich auch gelernt, dass ich gar nicht anders kann außer zu versuchen das beste Ergebnis zu erzielen. Ich habe also zusammenfassend gelernt, dass mein Job genau der Job ist, den ich machen will. Ich will Teil dieser Szene sein. Ich will so leben. Also tapfer bleiben und weitermachen.

Gringoz: Unsere letzte Frage ist meistens etwas Anderesbseits vom Thema: welche Serie hast du zuletzt gebingewatched?

Jan: Da ich keine Ahnung habe, was das ist, antworte ich damit, was ich zuletzt gesehen habe. :o) Ich hab tatsächlich endlich mit „24“ angefangen. Hat nur knapp 20 Jahre gedauert. Ich musste googlen ob Kiefer Sutherland eigentlich noch lebt (Tut er). Ansonsten zum Kopf locker machen gerne irgendwas Unterhaltsames. „The Kominsky Method“ fand ich ziemlich gut. „Gilmore Girls“ oder „Big Bang“ geht aber auch immer.

Dank dir Jan für das ausführliche Interview.
Hier findet ihr einige Shows aus dem Hause Spider Promotion die wir euch ans Herz legen möchten.

TRIBE FRIDAY präsentiert vom Gringoz Magazine
17.09.20 Berlin Huxleys neue Welt *online concert
19.09.20 Wuppertal Utopia
22.09.20 Hannover Béi Chéz Heinz
23.09.20 Dortmund Subrosa
24.09.20 Göttingen Musa
26.09.20 Oldenburg Cadillac

JARED HART TOUR 2021 präsentiert vom Gringoz Magazine
03.09.21 Wiesbaden Kreativfabrik
04.09.21 Köln Die Wohngemeinschaft
05.09.21 Amsterdam (NL) Q-Factory
07.09.21 Dortmund Subrosa
09.09.21 Bremen Tower
10.09.21 Hamburg Astra Stube
11.09.21 Hannover Lux
12.09.21 Langenberg KGB
13.09.21 Dresden Ostpol
14.09.21 Leipzig Werk 2
16.09.21 Berlin Schokoladen
17.09.21 Braunschweig B58
18.09.21 Göttingen Nörgelbuff
21.09.21 Zürich (CH) Dynamo
24.09.21 Karlsruhe Alte Hackerei
25.09.21 Frankfurt Ponyhof

Für weitere Shows, schaut einfach hier vorbei.





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