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Live-Review: Tomorrowland Around the World Festival

by Kevin

Als im letzten Jahr das hochkarätige Line-Up für das Tomorrowland 2020 bekanntgegeben wurde, hat noch niemand damit gerechnet, dass dank des Corona-Virus alles anders kommen sollte. Egal welches Genre, egal ob groß oder klein, jeden Künstler und Künstlerin hat die Krise hart getroffen und einen Festivalsommer 2020 undenkbar gemacht. Naja, fast jedenfalls. Natürlich war die Trauer zunächst groß als auch das weltbekannte Tomorrowland Festival seine Absage für diesen Sommer mitteilte. Ein Jahr ganz ohne die großartigen Acts Armin Van Buuren, Dimitri Vegas & Like Mike, Paul Kalkbrenner und viele mehr.

Doch dann passiert das Undenkbare: Das Tomorrowland Festival kündigt eine Online Ausgabe des Festivalklassikers an, das auf den Namen Tomorrowland Around The World hören soll. Jeden Tag trudeln neue Infos zu einem noch nie dagewesenen Format herein. Schlag auf Schlag werden die News spektakulärer. Sei es, dass das Line-Up um Special Guests wie Katy Perry, welche ihrerseits zu den erfolgreichsten Solokünstlerischen der Welt zählt, erweitert wird, Tiesto, der sein neues Projekt VER:WEST das erste Mal live präsentieren wird oder Eric Prydz der seine neue Show „Call“ der Welt zeigen wird. Auch die Technik, die dieses Spektakel erst möglich macht, soll die Welt der Livestreams revolutionieren. Große Versprechen, die von den Veranstaltern vorab getroffen werden.

Jede*r kann sich vom 25.-26. Juli selbst davon überzeugen, inwieweit diese Superlative erfüllt werden können. Für 12,50 Euro ist man dabei oder man wählt das 2-Tagesticket für 20 Euro für beide Tage. Nach dem unkomplizierten vorab Online-Ticket-Erwerb und Check In, startet die Party am Samstagnachmittag um 16 Uhr. In den kommenden zwei Tagen erwarten die Fans auf insgesamt acht Bühnen die unterschiedlichsten elektronischen Acts von Trance über Techno hin zu EDM und vielem mehr. Für jeden Geschmack lässt sich auf der digitalen Tomorrowland-Insel das Richtige finden. Schnell stand fest, dass Stars wie Armin Van Buuren, Eric Prydz, Katy Perry, Paul Kalkbrenner, Martin Garrix sowie Dimitri Vegas & Like Mike absolute Must-Sees sind. Aber auch die kleineren Stages stehen der Mainstage in Line-Up und Gestaltung in Nichts nach.

Für uns beginnt das digitale Fest am Samstag mit Ver:west. Viele werden sich bestimmt gefragt haben, wer sich hinter diesem noch unbeschriebenen Pseudonym verbirgt. Dabei handelt es sich um niemand geringeren als den niederländischen DJ Tiesto, der heute die Live Premiere seines neuen Projektes zelebriert. Dieses gibt ihm die Möglichkeit sich der Musik zu widmen, die in ihm brodelt. Er selbst bezeichnet den Sound als House, nur viel dunkler und deeper als alles andere, was er zuvor machte. Wir sind sofort angefixt und hoffen darauf, bald mehr davon erleben zu dürfen. Wir bewegen uns an diesem Abend auf der interaktiven Karte zwischen einigen Stages hin und her und landen unter anderem auch auf der Moosebar, die einen bizarren Mix aus Ballermann- und Apré-Ski Party karikiert. Besonders die weiblichen Tänzerinnen in kurzen Miniröckchen im Bayernstyle sind wirklich mehr als ein veraltetes, sexistisches Klischee. Das kommt bei uns gar nicht gut an. Ebenso negativ ist das mit 25 Minuten doch recht schmal ausgefallene Set von Katy Perry zu notieren. Natürlich soll es um die elektronische Musik gehen, aber ein bisschen mehr hätte man gerne sehen wollen. Auch wenn unsere Graphikkarte mit den Rottönen dezent überfordert ist. Allerdings sind alle Spielzeiten am Samstag recht kurz gehalten (zum Vergleich Armin Van Buuren 50 Minuten und DV&LM 35 Minuten). Etwas besser haben es da die Headliner am Sonntag getroffen, die durchaus eine Stunde spielen durften.

Weiter mit den erfreulicheren Dingen des Abends. Eine nächste Weltpremiere ereignet sich um Eric Prydz, der seine neue Show „Call“ präsentiert. Die Shows des Schweden sind einmalig und kaum ein anderer DJ kommt an die ausgefeilte Laser- und Lichtshow heran. Virtuos wird eine einzigartige, visuelle Darbietung inszeniert, die nicht mit Worten zu beschreiben ist. Wer den Auftritt am Samstag verpasste, kann sich unter folgendem Link einen Eindruck von professionellen Lichtmanagement einer älteren Show verschaffen: https://www.youtube.com/watch?v=zsCKuW8lql4

Leider ist an beiden Tagen immer wieder auffällig, dass der Stream wiederholt hakt. Dies stört das Erlebnis erheblich. Immerhin haben die Zuschauer 20€ für beide Festivaltage investiert und die würde man schon gerne ohne unterbrechendes Buffern auf einer brillanten Anlage genießen können. Dadurch lässt sich so richtiges Festivalfeeling vermissen. Klar ist die Idee der Verbindung zwischen Realität und interaktiver, vernetzender Digitalität soweit ganz nett und visuell auf jeden Fall ein Meisterwerk, aber leider bleibt eine Distanz. Diese sollte jedoch in einem angebrachten Setting mit vernünftiger Anlage und so vielen Leuten, wie aktuell möglich, überbrückt werden. Wir müssen diesbezüglich Abzüge hinnehmen, da wir mal wieder auf der Durchreise sind. Aber die letzten drei Mainstage Headliner schaffen es vergessen zu machen, dass wir gerade mit Laptop und Bluetoothbox Festivalfeeling faken. Steve Aoki holt die Leute wie immer so richtig ab und gibt einem das Gefühl, man sei live dabei. Auch wenn uns das übliche Tortenwerfen doch erheblich fehlt 😉

Armin Van Buuren lässt seine Zuschauer*innen in die Welt von A State Of Trance wandeln bis Dimitri Vegas und Like Mike das Abschlussset spielen, welches es wirklich in sich hat. Es besteht nur aus Partyhymnen und lässt uns im Hotel vorm Bildschirm nur so eskalieren und los tanzen. Die Auswahl der Songs ist bestechend gut getroffen und es macht einfach Bock auf Party und Tanzen. Besonderer Clou der Show ist zudem die Einblendung von Timmy Trumpet als Hologramm, der zusammen mit DV&LM abgeht. Krönender Abschluss bildet heute Abend eine Einblendung von Scooter, die uns tagträumerisch diese drei Herren einmal zusammen auf die Bühne wünscht.

Man kann nur erneut betonen wie visionär das gesamte Setting des Wochenendes ist. Die Technik spielt einwandfrei mit und alles wirkt aufeinander abgestimmt und vernünftig designed. Der hochkarätige Einsatz von nur dem besten Equipment macht sich genauso bemerkbar wie die Liebe zum Detail, die jeden gezeigten Festivalbesucher mit individuellen Attributen ausstattete. Neben den Stages, bei denen sich vor allem die Cave Stage hervortut, dürfen typische Festivalkomponenten wie Food und Camping nicht fehlen und werden gekonnt ins Konzept integriert. In besagter Höhlenlocation ist am Sonntagabend die Stunde für San Holo gekommen, der meistens völlig unterschätzt wird. Wir haben ihn schon öfters gesehen und er holt uns jedes Mal ab, klare Empfehlung unsererseits! Einziger Wermutstropfen ist, dass er „nur“ auflegt und auf seine normalerweise vorhandene Live-Gitarre bei Sologigs verzichtet. Vielleicht hätte dies den Rahmen der vorher in vier Studios weltweit entstandenen Greenscreen-Produktion gesprengt. Gewohnt kolossal folgt später der Headliner Yellow Claw, die auch die virtuelle Bühne nahezu abreißen. Bock auf Tanzen vorprogrammiert!

Wie ihr merkt schenkt das Tomorrowland Festival viele tolle Acts, die zum Feiern am Wochenende einladen. Aber aktuell geht es, auch für uns, nicht nur um die Musik, sondern um das Gefühl diese scheiß Pandemie wenigstens einmal zu vergessen und unbeschwert zu feiern und zu genießen. Wir alle haben dieses bitter nötig. Ob man dafür jetzt 20 Euro ausgeben muss bleibt fraglich und ist letztendlich persönliches Ermessen, da es aktuell ja eine Vielzahl an kostenlosen, aber genauso hochwertigen Alternativen gibt. Wer aber bereit ist den Preis zu zahlen, wird es definitiv nicht bereuen. Bis auf ein zwei Kinderkrankheiten wie das Stocken des Livestreams dürfte sich jeder Cent gelohnt haben. Man hat weltweit und time-zone-friendly mal etwas anderes als den blöden Alltagstrott gesehen und darf sich für ein paar Stunden der perfekten Illusion eines Festivals hingeben. Und vergessen wir dabei nicht die Leute hinter dem Projekt, die offensichtlich jede Menge Herzblut in dieses einzigartige Vorhaben gesteckt haben und es dazu machen, was es ist. Wir sagen danke dafür!

Fotocredit: Jordy Van Overmeire

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