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Feine Sahne Fischfilet lassen Hamburg jubeln

by Alex Hoppen

Man nehme eine der polarisierensten Punk-Bands des Landes und eine ausverkaufte Location in der Stadt mit den meisten Spotify-Hörern besagter Truppe. Das, was dabei rauskommt, ist ein Konzerterlebnis der Superlative: Feine Sahne Fischfilet spielen am Samstag in der Sporthalle Hamburg. Weitere Zutaten für das gelungene Event sind euphorische Anhänger, das nötige politische Statement, gelebte Fannähe und eine mehr als fantastische Stimmung.

Der Abend startet allerdings etwas holprig mit der israelischen Band Not on Tour, die an sich guten Punkrock servieren. Nur das ganze Gefühl will sich bei uns nicht so richtig einstellen. Davon unbeirrt tanzen sich die Zuschauer vor der Bühne schon einmal für ihren Hauptact warm. Währenddessen füllt sich die Sporthalle zusehends, schließlich wollen 7000 Besucher in der ausverkauften Location ihren Platz finden. Zwar haben alle zum Beginn um 21:13 Uhr ihren Platz eingenommen, waren diesen im Pogogewimmel der ersten Songs dann auch genauso schnell wieder los. Eingeleitet wurde das Spektakel mit einem Intro von mehreren alten und neuen Songs, wie zum Beispiel Kummers „9010“, begleitet von immer wieder aufflammenden Sankt-Pauli-Fanhymnen, schließlich kamen viele direkt vom gewonnenen Heimspiel. Einem Torjubel gleich lässt sich auch die Atmosphäre, speziell während der ersten Songs, beschreiben. Nur, dass der Jubel quasi zweieinhalb Stunden ununterbrochen läuft. Jeder Gast ist mit Leib und Seele dabei und skandiert nahezu alle Lieder textsicher mit.

Diese Wucht ist besonders am Anfang spürbar als der Vorhang mit einem Knall fällt und die ganze Halle den Boden zum Vibrieren bringt. Erst nach den ersten drei Songs (die nebenbei bemerkt allesamt echt stark sind „Zurück in unserer Stadt“„Alles auf Rausch“ „Für diese eine Nacht“) kommt Sänger Jan „Monchi“ Gorkow dazu die Hansestadt zu begrüßen und kurz auf die politischen Motive der Band einzugehen. Denn politische Positionierung gehört schließlich untrennbar zu Feine Sahne Fischfilet wie die Ostsee zu Rostock und macht den Charme der Band aus. Live bringt Monchi dies überaus sympathisch vor seinen Fans, den „Scheiß Anarchisten-Schweinen“, rüber und prangert gesellschaftliche Missstände an. Vieles lässt sich in Musikstücken der sechs Rostocker wiederfinden, von der Angst vor rechter Hetze wie im Falle von Katharina König-Preuß mit „Angst frisst Seele“ bis zur Flüchtlingsdebatte in „Zuhause“. Ob man zwingend in Antifaschista-Sprechchöre einstimmen muss, bleibt jedem selbst überlassen.

Musikalisch, und darum geht’s ja, lässt sich das Gesehene in eine gute Songauswahl, die stringent einem roten Faden folgt, übersetzen. Dabei wird vor allem das letzte Album „Sturm und Dreck“ aus dem Jahre 2018 gewürdigt, welches zur Gänze präsentiert wird, während die ersten beiden Alben keine Erwähnung finden. Der Sound in der Sporthalle ist gewohnt katastrophal, was allerdings nicht weiter wichtig ist, da ja wie gesagt, sowieso jeder mitsingt. Dieser Umstand schafft wirklich eine überwältigende Stimmung, die Monchi mehrfach sichtlich bewegt. Andere durchaus emotionale Momente finden sich als er seine Familie zu „Niemand wie ihr“ auf die Bühne holt, das Publikum einen Akustik-Chorus zu „Geschichten aus Jarmen“ singt oder als mehr Feuerzeuge als Handylichter zu „Warten auf das Meer“ die Sporthalle erstrahlen. Die Jungs können halt auch sanft und haben ein sensibles Gefühl für ihr Publikum entwickelt, wann es an der Zeit ist auf jemanden aus den ersten Reihen zu warten, weil „es ihm gerade nicht so gut geht“ oder wann man das Publikum in Bier baden sollte, vielleicht sogar aus dem eigenen Mund. Denn auch letzteres ist zweifelsfrei Feine Sahne: eine absolut eskalierende Party. Dazu gehören Menschenmassen in Tanzlaune, verbotene Bengalos im Publikum sowie Pfeffikanonen und Freibier auf der Bühne.

Das intensive Bühnenprogramm mit eigentlich konstanter Bewegung im Zuschauerraum verlangt sowohl Band als auch Publikum gleichermaßen viel ab. Komplett durchgeschwitzt endet mit „Wut“ das reguläre Programm und als Zugabe gibt es noch einmal sechs und vier Lieder extra. Der erste Zugabenblock endet mit „Weit hinaus“ im Funkenregen nach einem Cover von „London Calling“, bevor es dann mit dem Titel zur gleichnamigen Tour „Wir haben immer noch uns“ in den Endspurt geht und ein fulminanter Abend „Komplett im Arsch endet“. So geht das Hamburger Publikum nun mit freundlicher Unterstützung von Feine Sahne Fischfilet in den verdienten Weihnachtsurlaub. Für viele ist es das letzte Konzert dieses Jahr und liefert noch einmal ein unvergleichliches Highlight im Kalender.

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