Das der Jam Club in Koblenz ein heimlicher (oder vielleicht doch nicht so heimlicher) Hotspot der Punkszene ist hat der kleine Laden schon oft unter beweis gestellt. Ganz groß sind jedoch die Künstler auf der Bühne und das trinkwütige Publikum vor der Bühne. Die Mischung aus guter Laune, kühlem Hopfen und lauten Tönen ist das Rezept für einen Abend der Extralative – ganz ohne weit durch die Welt zu fahren. Koblenz ist ja, sind wir ehrlich, nicht die bekannteste Metropole, was Konzerte angeht.

Am 23.11. hat Koblenz allerdings bewiesen, dass auch die verantwortlichen Köpfe hier großes Kino bieten können. Wer aus der Gegend kommt wird von Punk am Eck (kurz: PaEck Events) schon gehört haben, wer nicht, sollte es sich für den nächsten Besuch in Koblenz und Umgebung merken.

Der Abend beginnt, wie sollte es anders sein mit einem Bier und da das Bier kühl und die Muskeln noch von der langen Arbeitswoche verkrampft sind braucht es einen Act, der den Abend eröffnet und Schwung in die ganze Veranstaltung, die schon Tage vorher ausverkauft war, bringen. Dies fällt heute Abend den Jungs um die Frontfrau Michelle von Herr Nielson zu. Sie nennen ihre Stilrichtung selbst Punk’n’Pop und genau das bieten sie auch. Der Anfang ist immer am schwersten, aber die Musik macht Spaß und stimmt ein auf das, was noch kommen mag. Selbst von kurzzeitiger Dunkelheit lassen sie sich nicht abbringen und spielen weiter. Nicht zuletzt eine lokale Band aus dem Koblenzer Umland, die man sich merken kann.

Anstandslos

Anstandslos

Ohne lange Pausen geht es mit der nächsten Band weiter. Der Name ist Programm: Anstandslos. Wer sie kennt, kennt sie beim nächsten Gig nicht gut genug, denn auch für alteingesessene Fans bieten die Jungs um Sänger Thomas Biermann immer noch eine neue Überraschung. So gab es diesmal neben neuen Songs nicht nur gratis Wein von der Bühne (ob das nun gewollt war, sei dahingestellt – aber gut wars) sondern auch Gesangseinlagen vom Gitarristen Daniel.

Anstandslos

Anstandslos

Die Songs sind eine runde Mischung aus Funpunk, einem Schuss Systemkritik, Covern bei denen auch die mitsingen, die noch nicht ganz textsicher sind und jeder Menge Spaß. Spaß den man sehen kann, der sich sofort aufs Publikum überträgt und die Zuschauer zum tanzen und feiern motiviert.

Anstandslos

Anstandslos Publikum

Bei Hymnen wie „Koblenz Asozial“ darf man seine Manieren auch gerne mal für ein paar Minuten vergessen und laut mit grölen. Für die etwas zartbesaiteteren kommt mit „Geschlechtsverkehr am Wattenmeer“ das schönste Liebeslied seit langer Zeit daher. Hier ist wirklich auch spätestens der letzte ins Geschehen involviert, da wird der Nachbar am Arm gepackt, geschunkelt und spätestens beim zweiten Refrain singt der ganze Laden mit. Anstandslos, in Koblenz schon länger kein Geheimtipp mehr, sind die vier Jungs für jeden Spaß zu haben und verbreiten das was wir am meisten wollen : gute Laune bei feuchtfröhlichem Gesang in feinster Punk-Manier.

Spätestens jetzt sind alle aufgetaut und bereit für den heimlichen Headliner des Abends. Drei Meter Feldweg!
Extra aus dem hohen Norden angereist um die Hütte noch einmal richtig aufzuheizen. Seit 2011 spielt die Formation zusammen und holt mit ihrer Art den Punk zu spielen auch Leute ab, die dem Genre eher fern sind. Wenn man den Namen betrachtet denkt man zwar vielleicht zuerst an stumpfe Dorfmusik, aber das ist ein Trugschluss. Die Fünf wissen genau, wie sie es schaffen auch kritische Texte in ein tanzbares Gewand zu hüllen und auch im kältesten November fühlt man sich bei „Sommer, Sonne, Bier“ an warme Tage erinnert.

Drei Meter Feldweg

Drei Meter Feldweg

Drei Meter Feldweg sorgen dafür, das kein Stein mehr auf dem anderen stehen bleibt. Ein Abriss vom feinsten. Die Texte sind eingängig genug um mitzusingen, auch wenn man sie vorher noch nicht kannte, aber dadurch keineswegs qualitativ minderwertig. Wer nicht schon nass vom Schweiß ist, wird es spätestens jetzt im Pogo oder weil im Eifer des Gefechts doch einmal jemand ein Bier verschüttet (ganz aus versehen natürlich).

Drei Meter Feldweg

Drei Meter Feldweg Publikum

Songs wie „Kamera dabei“ oder „Die klugen Leute“ schaffen es auf der einen Seite Stimmung zu bringen, aber hört man mal genau auf den Text erwischt man sich dabei, wie man zustimmend mit dem Kopf nickt, denn es steckt schon einiges an Wahrheit in den Texten. Was wir uns auf jeden Fall hinter die Ohren schreiben und das ganz besonders in dem Moment gerade jetzt: „Nimm dir mal Zeit, lass die Uhren stehen. Kein Blick zurück, nicht mehr auf der Stelle stehen“. Drei Meter Feldweg ist eine Band zum liebhaben, zum immer wieder live sehen und zum laut aufdrehen, die man einmal gehört nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Drei Meter Feldweg

Drei Meter Feldweg

„Koblenz hat den Punk verstanden“
So könnte die Überschrift lauten für Emscherkurve 77, den Headliner des Abends, frei nach dem Song „Wir ham den Punk verstanden“, der natürlich einschlägt und den der gesamte Jam Club aus einer Kehle gröhlt. Eine besondere Ehre, denn für EK77 ist es nicht nur irgendeine Show sondern auch das Jahresabschlusskonzert. Das da gebührend die Fetzen fliegen müssen ist ja wohl klar. Gesagt getan, auch zur späten Stunde und jenseits Mitternacht bewegt sich im Jam Club alles was Beine hat. Viele kennen die Texte der alten Hasen vom Niederrhein, wer sie nicht kennt macht sich nichts draus, denn die Musik lädt ein und wenn alle um einen herum ausgelassen in den Pogo springen kann man selbst nicht auf der Stelle stehen bleiben. In solchen Momenten vergisst man, wie „klein“ dieser Club eigentlich ist. Oder ist es gerade das, was den Jam Club und diese Events zu etwas so besonderem macht? Die Atmosphäre so nah an der Bühne, das man beinahe auf der Bühne ist. Mittendrin, statt nur dabei. Auch Emscherkurve77 wird Koblenz so schnell nicht vergessen und den weg vielleicht noch einmal gegen den Strom des Rheins schwimmen und zurück kommen. Vielleicht sieht man sich woanders wieder, aber das war sicherlich nicht das letzte Aufeinander treffen mit einer Band die bestimmt noch nicht zum alten Eisen gehört.

Und so geht ein Abend zu Ende, der mehr war als nur Konzert und Feierei. Ein Abend mit Freunden, bei dem man auch nach dem Konzert noch gesellig am Merchstand stehen und mit den Bands quatschen kann. Die Nacht ist Jung und schreit doch nach Wiederholung. Spätestens wenn der Jam Club das nächste Mal seine Türen öffnet für einen Abend, an dem man die Alltagssorgen mal links liegen lässt, sich mit der Musik treiben lässt und Spaß haben kann. Wir freuen uns darauf!

Gringoz Magazine
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