„Was ist bloß mit diesen Liedern, wo jemand auch mal hält, was er verspricht? fragen Ok Kid in ihrem Erfolgsstück Lügenhits. Trotz eben diesen Lügenhits versprechen die drei Jungs aus Gießen auf ihrer aktuellen „Lügenhits & Happy Endings“-Tour ein glückliches Ende. Und sie zeigen am Samstag, den 09.11.2019, in der Pumpe Kiel, dass sie im Unterschied zu vielerlei anderen deutschen Pop-Musikern zu ihrem Wort stehen.
Eröffnet wird der Abend von der Band Sohnemann, die deutsche Musik im Indie-Milieu rockig interpretieren. Rund 40 Minuten lang legen die Kölner ein gutes Set an den Tag. Knapp mit einem halben Jahr Verspätung starten Ok Kid pünktlich um 21 in den Abend. Die Verschiebung der Tournee von März in den November entstand aufgrund der Produktion und Fertigstellung der Woodkids-Playlist, der sich Ok Kid seit ihrem dritten Album „Sensation“ widmeten. Damit liefern die Musiker jede Menge verschiedenes Material für eine abwechslungsreiche Show inklusive Happy End.

Mit dem politischen Stück „Warten auf den starken Mann“ erwischt die Band und das Publikum gleichermaßen einen guten Start. Sänger Jonas Schubert hüpft gewohnt agil über die Bühne, sodass er sich seines Jacketts bereits nach dem ersten Refrain entledigt und damit der Fokus auf dem bekannten Wutbürger-Hut liegt. In Anlehnung an die proklamierte Lügenpresse geht es sogleich mit den Lügenhits weiter, die die Zuhörer textsicher skandieren können. Musikalisch untermalt wird das ganze neben Keyboarder Moritz Rech und Schlagzeuger Raffael Kühle von einem Live-Instrumenten-Ensemble und diversen Autotune-Einlagen. Ebenso gibt es immer mal wieder Ausflüge in elektronische Synthie-Klangwelten, die insgesamt einen stimmigen Eindruck abliefern. In Zwischenmoderationen witzelt Schubert darüber, dass es ein Fehler war mit „Bombay Calling“ ein Lied über ihr Lieblingsgetränk zu schreiben und dass wohl manche Zuschauer mit 36 Jahren immer noch in der Pubertät („1996“) sind.
Mit „Grundlos“ wird es dann intensiver als sich der Sänger kopfüber ins Publikum stürzt und zum anderen Ende der Location stagedived. Die Masse quittiert dies begeistert und tanzt im Folgenden ausgelassener, fast schon befreiter. Mit dem Seitenwechsel hin zu dem Tisch der Technik vor Pumpe Nr. 2 ändert sich auch der Einschlag der Musik hin zu elektronischem Hiphop des KID-OK-Soundsystems.

Wieder zurück vorne auf der Bühne angekommen wenden sich die Jungs ihrem neuesten Projekt der „Woodkids-Playlist“ zu, welches sie in Eigenregie aufgenommen und befreit von einer Plattenfirma produziert haben. Das Bühnenbild der Umrisse von einer angedeuteten Menschenmasse im Stil von „Sensation“ wird durch einzelne Bäume im Stil der „Woodkids“ erweitert. „E02 Ich bin Fan“ erinnert lyrisch und musikalisch fast schon etwas an Kraftklub, während in „E07 Nur wir drei“ ansprechend über die Geschichte von Ok Kid gerapped wird. Die Crowd nimmt die neuen Songs gut an und hat die Arme in der Luft.

Eine Schippe wird vom Publikum allerdings noch draufgelegt als es zu „Gute Menschen“ und der „Kaffee Warm“-Trilogie geht, die Ok Kid bereits seit den ersten Tagen und dem ersten Album aus dem Jahre 2013 begleitet. Alle Zuhörer sind wieder vollkommen da und singen und tanzen beflügelt von der Energie des Klassikers mit. Zu „Stadt ohne Meer“ wird im Anschluss so doll gefeiert, dass Sänger Schubert sogar die Wollmütze vom Kopf gleitet. Aber das macht nichts, denn das offizielle Programm endet mit einem fulminanten Schlusspunkt, den das Publikum in freudiger Ekstase vereint.
In der Zugabe gibt es dann mit „Verschwende mich“ noch einmal den romantischen Anfasspart, in dem dazu aufgerufen wird seinen Nachbarn in den Arm zu nehmen und den Männerchor auf der Bühne zu imitieren. Ergebnis sind lange Reihen im Zuschauerraum, die sich schunkelnd in den Armen liegen. Gänsehautstimmung und strahlende Gesichter im Publikum sind die Belohnung für anderthalb Stunden Konzert. Vergessen sind die Ungleichheiten, Politismen und die Angst vorm Ungewissen der Lügenhits des Anfangs; das Happy End sprüht vor Gefühl, Harmonie und Einigkeit. Damit haben Ok Kid ihr Versprechen wahr gemacht und mittels Setlist und Tourtitel eine Geschichte erzählt, die trotz Lügenhits zu einem Happy End findet, mit dem sie ihr Kieler Publikum um 22:30 Uhr in die Nacht entlassen.

Fotocredit: Kevin Randy Emmers

Gringoz Magazine
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