Man nehme die Elite der Prog-Metal Szene, schmeiße diese für mehrere Monate auf einen Bauernhof mitten auf dem Land, lässt diese miteinander agieren, füreinander kochen und wartet einfach ab. Was bei dieser Mischung rauskommt wird noch mit einem Avenged Sevenfold Cover bestückt und einfach veröffentlicht, was soll bei Dream Theater schon schiefgehen? Ob diese durchaus interessante Entstehungsgeschichte dem Album nach einem viel diskutierten Vorgänger half, erfahrt ihr wie immer in unserem ausführlichen TrackByTrack Review.

01. Untethered Angel
Direkt im Opener zeigt Dream Theater ein wahres Zusammenspiel, bei dem kein Bandmember zu kurz kommt. Nach einem für ihre Verhältnisse kurzem Intro kriegen wir direkt die volle Packung an Harmonie, Groove und Riffs aufs Ohr. Stilistisch könnte man fast meinen, dass die ein oder andere Avantasia Platte im Nebenzimmer rotierte.

02. Paralyzed
Einfach und kurz – anders kann man diesen Song nicht beschreiben. Ein knappes Intro führt über eine schnelle, groovige Strophe direkt zum Refrain, welcher im Gegensatz etwas schleppend daherkommt. Dieser Stil ist zwar simpel, weiß aber doch zu gefallen.

03. Fall into the Light
Ein Intro, als wären Metallica mal auf einen Topf Kartoffelsuppe vorbeigekommen eröffnet uns einen der durchaus stärkeren Songs der Platte. Klassischer kann man einen Dream Theater Song fast nicht beschreiben und auch James LaBrie wirkt durchaus aufgeweckter, als bei Paralyzed.

04. Barstool Warrior
Das erste was passiert, wenn man diesen Song hört, ist sich zu fragen, woher der Name stammt – WTF? Der Song startet mit einem fröhlichen Flow eines Irish Folk Songs, welcher im krassen Kontext zu den düsteren Lyrics steht. Diese beschreiben die Situationen zweier Protagonisten, welche bei einem Drink über vergangene Lebensentscheidungen nachdenken. Deshalb also der Name. Eine harmonische Interlude führt uns dann zurück zum klassischen Dream Theater Feeling, auch wenn der Song einem im Ganzen dann doch nicht so vom Hocker reißt.

05. Room 137
Komplett im Groove und als direkter Kontrast zum vorherigen Song finden wir in Room 137 eine musikalische Fusion aus Metal meets Classic Rock, kein Wunder, dass die meisten Riffs von Mastermind John Petrucci in diesem Song enthalten sind. Diese Verspieltheit kommt der Stimmt von LaBrie allerdings gar nicht zugute – leider etwas zu experimentell.

06. S2N
Kann sich jemand an den letzten Opener von John Myung erinnern? Hier wird wohl eine Premiere gefeiert. Die zuvor stark kritisierte Experimentierfreudigkeit der Band zahlt sich hier gelungen aus – live wird dieser Song jedoch komplett anders klingen und so nicht durchführbar sein. Punkten tut das ganze mit einem sehr gut durchdachten und prägnanten Aufbau.

07. At Wit’s End
Kommen wir nun zum Marathon-Song des Albums. Der 9-Minütige Song startet mit einem schnellen Intro, welches man bewusst in die Länge zog, was dem ganzen aber nicht schadet. Djentig geht es in den Strophen weiter, bis hin zu einem sehr melodischen Refrain. Perfekt abgerundet wird das dann noch von einem starken balladischen Übergang. James Labrie stellt unterdessen einmal mehr die Reichweite seiner Stimme perfekt unter Beweis … lediglich bei den letzten 30 Sekunden bleibt die Frage offen: Warum?

08. Out of Reach
Endlich die Ballade des Albums! Diese sorgt gekonnt für Abwechslung und nimmt nach und nach an Intensität zu, um sich anschließend wieder in einem harmonischen Übergang wiederzufinden. Inhaltlich behandelt der Track die Elemente eines klassischen Lovesongs, was die Vermutung nahelegt, dass er sich um die typischen Probleme des Tourlebens dreht.

09. Pale Blue Dot
Hier finden wir den ersten und somit auch einzigen Song, der nicht nur aus den Klängen der Band besteht. Zu Beginn wurden hier schwer verständliche Funksprüche eingespielt, welche dann nach und nach hinter dem instrumentalen intro verschwinden. Schnell bemerkt man hier die Stilmittel einer Oper, welche gepaart mit dem typischen Dream Theater Sound eine sehr bedrohliche Atmosphäre erschaffen. Diese findet ihren Höhepunkt in der Bridge, welche die musikalische Untermalung einer Verfolgungsjagd sein könnte.

Fazit:
Unglaublich, was ein Labelwechsel und eine bandinterne Besinnung abseits des Alltags ausmachen kann – Dream Theater wirken in Distance Over Time auf dem Höhepunkt der Kreativität, seit dem Ausstieg von Mike Portnoy. Stark anzumerken ist die durchdachte Variation der verschiedenen Bandmitglieder, welche sich musikalisch perfekt zuspielen. Die Band spielt durchweg mit neuen Einflüssen, findet aber immer wieder den Weg zurück zu dem Sound, welchen wir kennen und lieben.

Gringoz Magazine
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