Zugegeben, Pocahontas war für mich, wie für viele andere wahrscheinlich auch, das erste Lied von AnnenMayKantereit das ich gehört habe und ich mochte es zunächst überhaupt nicht. Grund? Ich fand es irgendwie zu schnulzig und es klang mir zu sehr nach Charts. Doch nach dem auch ich mich dann endlich mehr mit der Band und ihrem Debütalbum Alles nix Konkretes befasst hatte war die Vorfreude auf Schlagschatten (VÖ: 07.12.18) nicht mehr zu bremsen.

Wie auch schon auf ihrem ersten Album zieht Henning Mays Stimme die Zuhörer einfach in ihren Bann. Nicht nur durch besagte faszinierende und tiefe Stimme, sondern auch durch die Art und Weise, wie sich die Band ausdrückt. „Die Vögel scheißen vom Himmel, und ich schau dabei dazu.“ So beginnt ihr Opener Marie auf der neuen Platte, der nebenbei gesagt vor allem als YouTube-Live Session sehr empfehlenswert ist.

Bei Marie handelt es sich gegen die Erwartungen nicht um einen Liebessong sondern um das reale Leben. Hier wird nichts verschönert, die Vögel scheißen vom Himmel – egal was dir passiert, ob du allein, traurig oder verliebt bist. Nur wegen dir hingegen schafft es schon eher in die Liebeslied Schublade. Davon gibt zugegebener Maßen einige auf der Platte, was aber absolut nicht schlimm ist! Im Gegenteil. AMK schafft es auf eine Weise Musik über die Liebe zu machen, die nicht mal bei mir, das sonst so allgegenwärtige Würg-Gefühl bei dem Gedanken auslöst, sondern einfach bei jeder Strophe Gänsehaut zum Vorschein bringen. So beeindruckt das Album auf ganzer Linie. Die eingesetzten Melodien harmonieren einfach perfekt zu Hennings Stimme. Dabei ist auch zu verkraften, dass viele Stellen in den Songs aus Wiederholungen bestehen und man sie nach einem Mal hören quasi auswendig mitsingen kann.

Wirklich in ihren Bann gezogen haben mich besonders die Songs Ich geh heute nicht mehr tanzen, Weiße Wand, Hinter klugen Sätzen, Sieben Jahre, Alle Fragen, Schon Krass und Schlagschatten – Bei AMK sieht man sieht einfach ganz normale Typen, die  sich wie wir alle so durch ihr Leben schlagen, und genau darüber Musik machen. Sie offenbaren in ihren Songs ihre Gefühle und stehen auch zu ihren negativen Entscheidungen oder Taten. „Weißt du, ich weiß, wie viel’s wiegt, wenn es vor mir liegt
Und woher man’s kriegt, wenn man’s so sehr liebt.“ – Schon Krass, „Ich belüge mich auf meine Weise, eher laut als Leise – damit sich in mir überhaupt etwas bewegt.“ – Hinter klugen Sätzen.

Sieben Jahre und Alle Fragen sind wohl die traurigsten Liebeslieder auf der Platte. Sieben Jahre wird begleitet mit einer Melodie die nicht melancholischer klingen könnte – „Manchmal wachst du morgens auf, und weißt nicht mehr was wahr ist […] und dann denkst du kurz, dass sie noch da ist. Dass sie noch da ist“ – Sieben Jahre – Ein Gefühl das jedem, der je Liebeskummer hatte wohl bekannt ist, wenn die Realität dir jeden Morgen aufs Neue ohne Rücksicht ins Gesicht lacht. Spätestens der Song Alle Fragen: „Das Erste was dir auffällt, immer wenn du ankommst ist Vergangenheit. Das Zweite was dir auffällt, wenn du wieder lost fährst, ist Veränderung. Das Dritte was dir auf fällt, wenn du dich nur umschaust, ist das du alleine bist. Das letzte was dir auffällt ist, dass du sie immer noch vermisst – dass du sie immer noch vermisst.“ wird die ein oder andere Träne zum rollen bringen. Das Album zeigt aber auch ebenso die Kehrseite der Medaille. In ihrem Song Vielleicht, Vielleicht wird der Hoffnung Platz gemacht, dass diese Leichtigkeit bei dieser einen Person vielleicht, (vielleicht) für immer bleiben könnte.

Der aber trotz allem wohl am gefühlvollste Song für mich, ist der gleichnamige Titel Schlagschatten. Zu welcher Musik beschreibt man am besten das Gefühl nicht zu wissen woher sein Unwohlsein kommt? Zu exakt dieser. „Besonders am Abend hat jeder Gedanke den ich habe die Farbe Blau. Die Tage zählen und untertauchen sind kein Neuanfang, nur ein Ende. Warum laufen die Tränen aus meinen Augen, obwohl ich an niemanden denke? Schlagschatten fallen. Die Sonne ist rot. ich glaube das kleine Glück ist Groß.“

Jeder Song, so auch dieser steht für sich und benötigt keinerlei Ergänzungen, da sie alle in sich den Kern genau treffen und für sich und einander sprechen. AMK hätte keine besseren Worte oder Töne treffen können. Dem Album ist anzuhören wie viel Feingefühl und Herzblut sie reingesteckt haben. Es sollte nie ein perfektes Album werden und doch, ist es eine grandiose Platte geworden die vor allem ihr Herz am richtigen Fleck trägt.

Gringoz Magazine
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