Immer mehr Youtuber machen auch Musik. Bei diesem jungen Herren gibt es jedoch überhaupt keinen Grund zum Augenrollen. Alleskönner Fynn Kliemann, der ungern als solcher bezeichnet wird, erobert schon vor der Veröffentlichung seiner ersten Platte die Musikszene. Schon jahrelang macht der sympathische Norddeutsche aus dem Kliemansland, einem Hof in der Nähe von Hamburg, jeden Abend Musik, bisher jedoch für sich selbst. Gelegentlich ließ er seine zahlreichen Follower auf Instagram an den kleinen Songschnipseln und Beats, die er mal eben so produziert hat, teilhaben. Die Rufe seiner Follower nach eigenen Songs wurden immer lauter und schließlich auch erhört. Der Weg dorthin war allerdings alles andere als einfach, denn wie gewohnt wurde dabei alles in Eigenregie gemacht und weder Songs, Videos, Artwork und Webseite aus der Hand gegeben. Sogar den großen Plattenvertrag, der eigentlich schon in trockenen Tüchern war lehnte er ab um stattdessen sein eigenes Label twoFinger Records zu gründen. Lediglich beim Vertrieb hat er sich unter die Arme greifen lassen. Eigentlich sollte sein Album nie fertig werden. Glücklicherweise ist es doch noch anders gekommen und am 28. September wird NIE nun endlich erscheinen. Mit den 11 Songs des Albums lernt der Hörer eine weitere, neue Seite von dem sonst eher hibbeligen, vor Tatendrang übersprudelndem Fynn kennen. Nachdenkliche, vielschichtige Texte, ruhige Melodien und persönliche Themen tauchen in jedem Song aufs neue auf. Detailverliebtheit mit rauher Stimme in Indie-Pop verpackt und auf Platte gepresst. 

11 Tracks voller Liebe bis ins kleinste Detail 

Wer Fynn Kliemann bereits kennt, der wird wissen wie sehr ihm die Musik am Herzen liegt. Daher ist auch von vornherein klar, das er auf diesem Album nichts dem Zufall überlassen wird und es bis ins kleinste Detail durchgeplant ist. Auch das ungewöhnliche Konzept überzeugt: Die Platte wird nur ein einziges Mal produziert. „Ich werde das Album nur ein einziges mal physisch produzieren, weil ich die verschwenderische Produktion von Musik nicht so geil finde und nicht möchte, dass die Platte wegen Überproduktion irgendwann bei nem Discounter im Grabbeltisch liegt“, sagt Fynn. „Das heißt, jetzt ist die einzige Möglichkeit das Album jemals in echt in den Händen zu halten. Das war mir wichtig.“ Zur Entstehung des Albums hat Fynn Kliemann außerdem einen Podcast aufgenommen, in dem er ganz offen über alle Themen wie Nervenzusammenbrüche, Finanzierung und Gewinn.

Keine Belanglosigkeiten oder Radiopopnummern

Doch natürlich überzeugt der sogenannte Heimwerkerkönig nicht nur mit seinem Konzept. Morgen, die erste Single seines Albums sprudelt wie Kliemann selbst nur so vor Tatendrang und Energie beinahe über. Die Zeile „gibt nicht viel was ich nicht lernen kann“ hat Fynn wohl besonders verinnerlicht. Für den Fall das wir doch einmal müde werden sollten, hat er direkt einen mütterlichen Rat parat: „Mama sagt auch wenn man Augen mal schließt geht die Sonne noch auf“.

Auf Zuhause macht er die wohl schönste Liebeserklärung mit den Worten „Mein Zuhause ist kein Ort das bist du“. Auch sonst ist dieser Song voller Gänsehautmomente ohne dabei kitschig zu werden.

In dem Song Sardinien, einer ebenfalls sehr ruhige Nummer, schafft es Fynn Kliemann die einfachen und scheinbar belanglosen Dinge in ihrer Einfachheit so liebevoll und anziehend zu beschreiben, dass man dabei neidisch wird. Romantischer wird es bei einem Dosenbier wohl nie wieder.

Insgesamt ist das Album etwas ruhiger als erwartet, durch die vielen Gänsehautmomente und die unverwechselbare Stimme fällt das jedoch kaum auf. Auch nach mehrfachem Hören gibt es immer noch jede Menge zu entdecken. Definitiv einen Kauf bzw eine Vorbestellung wert.

Tracklist:
1. Morgen
2. Bis Seattle
3. Dunkelblau
4. Zuhause
5. Bau mich Auseinander
6. Kieztränen
7. Dieses Leben
8. Sardinien
9. Jede Wette
10. Immer nur da
11. Der Mann und das Meer

Gringoz Magazine
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