Berlin, 1989: Ein junger Mann mit dunklen, gelockten Haaren, Klavierschal und leuchtender Lederjacke bringt mit seinem missverstandenen Smash-Hit „Looking for freedom“ (im Original von Marc Seaberg) die Mauer zu Fall und initiiert die Wiedervereinigung Deutschlands. Amerika hat es abermals geschafft, Glückseligkeit und Frieden in die Welt zu bringen.

Nürnberg, 2018: Ein alter Mann mit noch erstaunlich vielen Haaren, Klavierschal und leuchtender Lederjacke schmettert, mehr schlecht als recht, seinen Smash-Hit, der auf Bayern 1 oft als „Auf der Straße nach Süden“ (gesungen von Tony Marshall)  zu hören ist. Niemand liegt sich weinend in den Armen, kein Weltfrieden, keine finale Weisheit.

 

Aber von vorne:

Ob sich die Menschen an diesem Abend aus Sensationslust oder ehrlichem Fantum dazu entschlossen haben,  das David Hasselhoff Konzert in der Nürnberger Arena zu besuchen, bleibt unklar. Die Stimmung ist jedoch vor Konzertbeginn schon ausgelassen und das obwohl auf Wunsch des Veranstalters bis zur Pause kein Alkohol ausgeschenkt wird. Große Teile des Publikums kommen aber bereits mit einem ordentlichen Pegel in der Arena an. Der völlig überteuerte Merch (z.B. 20€ für einen Jutebeutel) ist ebenso skurril wie die Konzertbesucher. Das Bild des als Mitch Buchannon verkleideten Fans, der ein „Don’t hassle the Hoff“ Shirt kauft, wird sich für immer in das kollektive Gedächtnis brennen. Daneben gibt es noch die original Baywatch Sonnenbrille, Schlüsselanhänger, goldene Shirts, Poster, CDs, ein Kompendium von Hasselhoffs Karriere- alles, was das Fanherz begehrt also.

Die Security an diesem Abend trägt Anzug. Im Allgemeinen scheint es, als würde man mit allen Mitteln versuchen, die fehlende Seriösität der Veranstaltung zu forcieren. Theatergongs kündigen den Beginn des Konzertes an.

20:05 Uhr- das Licht erlischt und auf der Leinwand, die den ganzen Bühnenhintergrund einnimmt, wird ein 5minütiges Video eingespielt, das die Höhepunkte der Hasselhoff’schen Karriere Revue passieren lässt. Mal als Schauspieler in seiner legendären Rolle als Knight Rider, dann als weltgewandter und weitgereister Beau, David am Brandenburger Tor, David in KITT, David in roter Badehose- immer mit einem Augenzwinkern, das verrät, dass The Hoff sich selbst auch nicht ganz ernst nimmt. Warum seine Fans jedoch eher über als mit ihm lachen, scheint ihm per dato immernoch nicht klar zu sein. Das Publikum gröhlt, jeder will die Ikone der späten 80er sehen und da erscheint Er, (nur) die ersten Takte von Looking for freedom schmetternd. Alt ist er geworden, mittlerweile 64 Jahre, ein bisschen verloren wirkt er auf der großen Bühne und überfordert mit dem Starkult, der ihn umgibt. The Hoff gibt direkt mit einem rockigen Medley Gas. Seine Liveband steht optisch mit ihren „wilden“ Outfits und Tattoos in totaler Antithese zu dem, was wir in den nächsten 2.5h um die Ohren geblasen bekommen.

Zwischen den 26 Songs, die es an diesem Abend zu hören gibt, erzählt David Hasselhoff aus seinem aufregenden Leben. Seine Ansagen klingen nicht nur einstudiert, sie sind wahrscheinlich abgelesen. Auch inhaltlich erinnern sie mehr an eine ZDF-Retortenschlagershow denn an ehrliche Worte eines Entertainers, der vielleicht zu Unrecht in die Trash-Ecke gestellt worden ist. Fast schon stolz berichtet er, dass das Video zu Hooked on a Feeling das meistgeklickteste des Internets war, weil es so schlecht ist.

David Hasselhoff singt live. Das ist unbestritten bei der Fülle der Einsätze, die er verpasst. Seine Intonation ist bei Weitem nicht lupenrein und er erweckt den Eindruck, er habe sich nicht genügend auf die Tour vorbereitet. In Anbetracht des durchschnittlichen Ticketpreises von 80€ ist das fast schon frech. Dafür ist er seinen Fans ganz nah, schüttelt Hände, verteilt Luftküsse, geht, begleitet von einer Entourage an Securities, durch das ganze Publikum.

Neben seinen Hitsingles wie Do The Limbo Dance, Crazy For You und Night Rocker setzt the Hoff auch auf Songklassiker wie Country roads, Sweet Caroline und After Manana Mi Ciello. Kennt ihr nicht? Fragt mal eure Großeltern.

Das Publikum bekommt, was es will. Ein Revival ihres Jugendstars, die Erinnerungen an sorglose Sonntage mit dem Knight Rider, Kinderzimmerparties zum Sound von Looking for freedom, ein paar Strahlen der Sonne am L.A. Beach und zum großen Finale eine Brise des Wind of Change 1989.

Verzweifelt bemüht, der Show einen künstlerischen Anspruch zu verleihen, covert The Hoff David Bowie’s  Heroes, welches teilweise auf Deutsch gesungen wird. Dennoch kann nichts darüber hinweg täuschen, dass David Hasselhoff seinen Zenit weit überschritten hat. Man vermisst die Spielfreude bei seinem Auftritt, im Gegenteil, nur selten scheint er seine Melancholie zu überwinden und sich von der Begeisterung des Publikums anstecken zu lassen. Etwas steif quält er sich auch durch den zweiten Teil der Show. Der Antiheld der Popkultur, dem das Image des burgerverzehrenden, gefallenen Sunnyboys anhaftet, persifliert sich an diesem Abend selbst. Daher ist die Frage, ob das schon Punkrock ist, gar nicht so fehl am Platz. Er muss wissen, dass viele seiner Fans den Starkult ironisch meinen und er zieht trotzdem knallhart durch.

„I headed down the track
my baggage on my back
I left the city far behind
Walking down that road
with my heavy load
trying to find some ease of mind”

The Hoff is a punk rocker, jedenfalls ein bisschen.

 

Setlist:

  1. Knight Rider Theme
  2. Hey, we wanna rock the world/Move to the beat of your heart/Hot shot city (Medley)
  3. Jump in my car
  4. Is everybody happy
  5. Lonely is the night
  6. Night Rocker
  7. Hooked on a feeling
  8. True Survivor
  9. More than words can say
  10. Live until I die
  11. It’s a real good feeling
  12. Guardians Inferno (Screen)
  13. This is the moment
  14. Sheltered heart
  15. Flying on the wings of tenderness
  16. Gipsy girl
  17. You’ve lost that loving feeling
  18. Country roads
  19. Sweet Caroline
  20. After manana mi ciello
  21. I’m always there (Baywatch theme)
  22. Crazy for you
  23. Do the limbo dance
  24. Wir zwei allein heut Nacht
  25. Heroes/Helden
  26. Looking for freedom
  27. Outro (Du)

Gringoz Magazine
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