Wir sind endlich wieder zuhause! 2 Jahre lang irrten wir auf entweder ziemlich heißen und mal stark verregneten Feldern umher, suchten nach Helga oder unterhielten uns mit Neuankömmlingen darüber, wie schön die Zeit damals im Jahre 2014 noch war am Ring. Wie bereits erwähnt sind wir wieder zurück. Die gehasste Querlage beim schlafen auf dem Campingplatz Krebsberg wirkt auf einmal wie ein mit der Liege nach hinten gestellter Massage Sessel, die stark überdrehten Boxen der Nachbarn sind mit Yoga Musik gleichzustellen und generell dieses vertraute Geräusch einer vorbei rasenden Bugatti, die in der Ferne über die Nordschleife rast, gibt uns wirklich das Gefühl angekommen zu sein. Was sich dadurch geändert hat und wie Rock am Ring 2017 zu den vielleicht prägendstem Rock am Ring aller Zeiten wurde, erfahrt ihr in unserem Hauptbericht.

Als lokaler Ansiedler aus Koblenz erst mal die schlimmste Veränderung vorab: Die Fahrzeit zum Rock am Ring Gelände hat sich im Vergleich zu den letzten beiden Jahren fast verdreifacht! Wo man vorher bei gutem Wind noch THE PRODIGY vor der Haustür hören konnte, brauch es nun ein paar Meter um zu realisieren – es ist Rock am Ring Wochenende!

Es fängt eigentlich schon bei der Vorbereitung an. Diese Blicke die man austauscht, wenn man vor sich an der Kasse im Supermarkt jemanden mit genau der selben sonderbaren Bestellung stehen hat: 10x Raviolli, 2x SixPack Wasser (zur Not), gefühlt 4 KG Grillgut und natürlich: Bier! Das alles im Kofferraum verstaut tut auch schon an der nächsten Tanke für diesen „Viel Spaß am Ring“ Blick sorgen. Aber spätestens wenn wir Donnerstags die armen Spätanreise-Seelen sehen, wie diese kilometerweit ihre Paletten auf Sackkarren durch die Eifel schieben, wissen wir, das macht man nur für eine Sache dieses Wochenende: Rock am Ring … AM RING!

Dabei lädt das vielfältige Line Up natürlich wieder allerlei bekannte Namen aus der ganzen Welt in die Eifel ein. Die Speerspitze wird vom begehrtesten Festival Act überhaupt gebildet: RAMMSTEIN! Doch wäre das ganze kein Erlebnis, wenn wir nicht den Umzugshelfer Nr. 1 der einfach immer da ist, wenn es brennt, dabei hätten: DIE TOTEN HOSEN. Das große Finale von Rock am Ring wird dieses Jahr SYSTEM OF A DOWN liefern, welche erstmals nach 6 Jahren wieder dabei sind und uns hoffentlich Sonntag Abend nochmal richtig das Tanzbein schwingen lassen. Welcher Hardcore Festivalist jetzt übrigens nur sagen kann „Alles schon gesehen meh..“ für den haben wir noch eine exklusive Sensation: PROPHETS OF RAGE – die Supergroup, welche sich aus den Bands RAGE AGAINST THE MACHINE, PUBLIC ENEMIE und CYPRESS HILL gegründet hat, spielen auf Rock am Ring und Rock im Park ihre ersten beiden Europa Shows seit Bandgründung.

Doch auch wer körperlich nicht vor Ort war, aber geistig dieses Wochenende sich am Ring fühlte, konnte mitfeiern. Dank neuester Technologie wurden vielerlei Konzerte von der Telekom durch ihren neuen Magenta Musik 360 Grad Channel in die weite Welt gestreamed.

Freitag 02.06.2017

Freitag galt für viele verfrüht als das absolute Highlight des Wochenendes. Schon sehr früh haben sich erste Fans am Festivaleingang platziert, um möglichst gute Chancen auf die erste Reihe der Hauptbühne zu ergattern, denn heute werden hier RAMMSTEIN ein wahres Inferno entfachen.

Generell lag trotz des insgesamt starken Line Up´s heute der Fokus und die Vorfreude der großen Menge wirklich auf der Hauptbühne und dem anschließenden LateNight Act MARTERIA auf der Krater Stage. Während der Festivalbeginn mit knackigen Party Bands wie SONDASCHULE UND SKINDRED eröffnet wurde, gab es jedoch auch kleine Sensationen auf den Nebenbühnen. So lieferten 2CELLOS eine wirklich gute Show ab, die man mit APOKALYPTICA vergleichen könnte und auch BEHEMOTH Frontmann Nergal konnte mit seinem Soloprojekt ME AND THAT MAN durchaus für Stimmung sorgen.

Spätestens jedoch zu IN FLAMES war die Hauptbühne komplett voll und Chancen auf die 2. Welle wurden immer kleiner. Die haben aber auch wieder gerockt! Anschließend wurden wir wohl alle vor eine kleine Wahl gestellt – lassen wir ein Stückchen Jugend wieder aufblühen und gönnen uns SIMPLE PLAN auf der Krater Stage oder trainieren wir unsere Nackenmuskulatur bei FIVE FINGER DEATH PUNCH auf der Hauptbühne und halten unsere gut ergatterten Plätze für RAMMSTEIN warm?
Wir persönlich entschieden uns für das Nacken Training und wurden nicht enttäuscht – konnten aber von einigen Ringrockern vernehmen, dass SIMPLE PLAN nebenan auch eine wirklich Fan nahe Show gespielt haben wie seit 2011 nicht mehr.
Bevor es mit RAMMSTEIN losgeht, sollte der allseits beliebte Festival Act schlechthin noch ein letztes mal einheizen. Die BROILERS schaffen es einfach immer wieder mit ihrem Oi! Punkrock Tausende zu begeistern. Das Set war im vollen Gange, Frontman Sammy gab durch seine typischen Ansagen einfach alles, als dann mitten im Set die Show leider unterbrochen werden musste für eine wichtige Durchsage.

Leider musste die Polizei vorsorglich das Festival aufgrund einer terroristischen Gefährdungslage unterbrechen, um Ermittlungen auf dem Gelände nachzugehen. Dank der verständlichen und gut gewählten Worte des Orga Teams konnten jedoch ohne großen Groll und Ärger alle 85.000 Ringrocker erfolgreich auf ihre Campingplätze geordert werden. Hierbei muss man einfach mal das vorbildliche Verhalten der Besucher und Zusammenarbeit mit den professionellen Ordnern loben. Es blieben alle ruhig, es gab keine Komplikationen und generell hat der Terror an diesem Tag nicht gesiegt – wie sich später herausstellte.

//* Wir wollen an dieser Stelle nicht weiter auf diese Nacht eingehen, sondern feiern einfach das Verhalten aller Parteien die Hand in Hand gearbeitet haben und Berichten nun direkt weiter über das Festival. Im abschließenden Fazit wird das Thema nochmal klein aufgegriffen. *//

Samstag 03.06.2017

Eine sehr nachdenkliche Nacht geht vorbei – die uns aber sehr deutlich zeigt: Auf einem Musikfestival ist einfach kein Platz für Terror! Die Nacht verbrachte jeder wahrscheinlich irgendwie anders. Die einen reden über das erlebte und wie Nah das an sie heran ging, andere mussten erstmal alle familiären Anrufe erwidern und sagen, dass es ihnen gut geht und dann gab es noch die wirklich humorvolle Fraktion, die sich die aktuelle Live Setlist von RAMMSTEIN zur Brust nahmen und diese einfach auf den Campingplätzen laufen ließen und dazu feierten, wenn schon nicht vor dem Original.

Aus Festivalsicht startete der Tag schon mal sehr positiv: Die BROILERS durften am Abend ihr Set fortsetzen. Schön daran war, dass dafür vom allgemeinen Tagesablauf nichts gekürzt wurde, sondern ab den Broilers alles um eine Stunde nach hinten geschoben wurde. Was für uns einfach nur heißt: Wir rocken heute eine Stunde länger auf der Hauptbühne! Ganze 11 Stunden wird hier heute gefeiert und all das Negative von letzter Nacht vergessen.

Eines blieb jedoch anders an diesem Tag – und zwar haben so ziemlich alle Bands und Künstler von den Geschehnissen von Freitag Abend erfahren und machten sich gemeinsam mit dem Publikum stark für eine terrorfreie Welt. Die eindeutige Botschaft dieses Wochenende. Spätestens um 15 Uhr bei den DONOTS war weder Platz für Nationalismus noch für Terror – das vermitteln diese Jungs nicht nur situationsbedingt auf dem Ring sondern generell zu jeglicher Möglichkeit auf den eigenen Headliner Konzerten.
Auf der Krater Stage konnte an dem Tag ordentlich abgefeiert werden mit beliebten Acts wie den DRUNKEN MASTERS oder dem aktuellen Durchstarter MACHINE GUN KELLY, welcher demnächst ausführlich mit niemand geringeren als LINKIN PARK tourt. Aber auch die zahlreich diskutierten Jungs von der 187 STRASSENBANDE fanden an dem Tag ihre Fans. Doch insgeheim warteten hier wohl alle auf ein absolutes Highlight: Die BEGINNER werden die Bühne heute Abend als Headliner bespielen!
Auf der kleinsten aber nicht weniger gefeierten Alternastage war heute vor allem ein Künstler in aller Munde – IRON MAIDEN. Natürlich traten diese hier nicht auf, vor allem nicht auf der kleinsten Bühne, aber der Nachwuchs von Frontmann Bruce Dickinson sorgte hier am Nachmittag für die ein oder andere Pit. Griffin Dickinson von SHVPES und Austin Dickinson von AS LIONS scheinen das Show Talent ihres legendären Vaters im Blute zu haben und wussten durchaus zu überzeugen.
Später werden hier große Hardcore Namen wie SUICIDE SILENCE, MOTIONLESS IN WHITE und BEARTOOTH noch die Menge in Bewegung bringen.
Auf der Volcano Stage wird es zwischenzeitlich weiterhin punkig gehalten. SUM41 konnten nach mehreren Absagen in den letzten Jahren endlich ihren Ring-Gig umsetzen und katapultierten Fans der früheren Jahre genau in diese Zeit zurück. Nach ihrem Comeback hat man Frontmann Deryck Whibley nur selten so aktiv gesehen.

Danach wirkte der eher statisch veranlagten WIRTZ eher wie ein Lückenbüßer. Die entfachte Stimmung der Voracts konnte durch einen zwar wirklich begabten Act leider nicht gehalten werden, was wahrscheinlich vor allem daran lag, dass dieser eher durch aktuelle TV Formate an Bekanntheit gewann als durch Auftritte. (Wir mögen euch natürlich trotzdem! Es war einfach die falsche Bühne zur falschen Zeit!)
Spätestens als die BROILERS als erste Band überhaupt an einem Rock am Ring Wochenende an 2 Tagen in Folge die Bühne bestiegen, konnte die heutige Party durch keinen Abbruch mehr gestoppt werden.
Eine wirklich starke Botschaft und von Band und Orga-Team, den Gig fortsetzen zu lassen, wie er nun mal anfing.

Danach wurde es Zeit für unsere große Festivalliebe – die BEATSTEAKS mit denen wir Ringrocker seit 2011 verheiratet sind, entern die Bühne. Man ist einfach kein alter Hase auf dem Ring, wenn man beim Opener Hit Summer nicht weiß, wo sein Einsatz ist. Und dieser Einsatz wurde an diesem Tag von Tausenden getroffen. Schön euch alle wieder mit dabei zu haben!

Als es allmählich dunkel wurde, war es Zeit für die eigentlichen Besitzer dieses Festivals. Die Jungs haben vor Jahren Rock am Ring als ihr persönliches Wohnzimmer betitelt und halten dieses auch noch heute fern von jedem Staubkorn, indem regelmäßig einmal mit 60.000 Menschen vor der Bühne drüber gewischt wird. Wir reden natürlich von den TOTEN HOSEN, welche auch das traditionelle Ringwetter (Regen!) im Gepäck hatten! Man könnte meinen durch die Auftritte in den Jahren 2008, 2012, 2015 und nun 2017 wird das ganze langsam langweilig, doch das gerade frisch veröffentlichte Album „Laune der Natur“ in Kombination mit der Feierlaune der Ringrocker ließ dieses Highlight wie immer aufblühen, als wären die Hosen seit 20 Jahren endlich mal wieder am Ring.
An dem Tag hat jedoch niemand die Rechnung mit dem LateNight Act der Krater Stage gemacht. KRAFTKLUB lieferten zu später Stunde nebenan mit dem größten Bühnen Set in der Rock am Ring Geschichte (ja sogar größer als das von David Bowie 1987) eine Album Release Party, die sich sehen lassen kann.

Und wir haben ernsthaft gedacht der Samstag wird etwas ruhiger! Wie soll das Sonntag nur weitergehen?

Sonntag 04.06.2017

Der letzte Festivaltag brachte die übliche Lockerheit mit sich. Man hat schon 2 Tage gerockt, nimmt alles etwas entspannter und ist auch damit glücklich einfach unter seines gleichen ein Schild hoch zu halten, als vorne am Wellenbrecher am Abend seine Helden aus nächste Nähe zu feiern.

Auch das Wetter hatte sich nach einem nächtlichen Schauer wieder beruhigt und sah uns den ganzen Tag zwar bewölkt kritisch an, hatte aber auch keine große Lust mehr uns den Tag zu verderben – sehr gut!

Und auch heute gibt es wieder eine erfreuliche Nachricht. Der Freitag LateNight Act MARTERIA wird an diesem Tag um 18 Uhr sein Set spielen dürfen! Dafür wurden ein Act von der Krater auf die Volcano Stage verfrachtet. Heißt: Wir rocken heute wieder etwas länger!
Trotz aller Entspannung werden wir an diesem Tag ordentlich auf die Probe gestellt, es gibt einige Entscheidungen zu treffen – Schaut man sich erstmals HENNING WEHLAND mit seinem Soloprojekt am Ring an und verzichtet auf GOJIRA? Darf man bei FEINE SAHNE FISCHFILET feiern, wenn man die Party bei den Rockern von AIRBOURNE verpasst hat? Und vor allem: Wo muss ich hin, wenn ich guten Rap sehen will? Zu den PROPHETS OF RAGE oder GENETIKK? Fragen über Fragen! Und dabei haben wir nochmal die Alternastage mit eingerechnet mit Acts wie CHEFBOSS und EGOTRONIC, welche wir an dieser Stelle mal ganz lieb grüßen wollen.

Richtig macht man es an dem Tag wirklich nur, wenn man entweder mit dem Geschmack soweit zufrieden ist, als dass man sich mit einem Genre zufriedenstellen kann – oder wie sonst üblich: Die Party im 3. Wellenbrecher einfach entfacht und sich einige Sets halt nur halb anschaut.
Emotionaler Höhepunkt des Tages war eindeutig der Auftritt von Serj Tankian bei den PROPHETS OF RAGE, welche zu teilen auch die Band AUDIOSLAVE bilden und im Gedenken an Chris Cornell den Song Like A Stone sangen. Atemberaubend schön und so wahrscheinlich nicht wiederholbar.

Leider war der anschließende Gig der Jungs von SYSTEM OF A DOWN musikalisch gelungen, technisch chaotisch und emotional mehr als durchhängend. Song für Song wurde runter gespielt mit sehr wenigen Ansagen. Da haben wir die Alternative Rocker aber 2011 besser in Erinnerung gehalten.

Anschließend stellte sich natürlich die Frage des Festival Finales – da SYSTEM OF A DOWN einfach nicht überzeugten musste man sich nun zwischen den CRYSTAL FIGHTERS oder MACKLEMORE & RYAN LEWIS entscheiden. Wir hoffen ihr habt die richtige Wahl getroffen für euch selber!

Mein Fazit

Wie soll man dieses Jahr nur in passende Worte fassen? Soviel erlebt, soviel gesehen und das in einer leider so kurzen Zeit. Rock am Ring ist wieder vorbei, doch ging nicht, ohne seine Spuren zu hinterlassen. Während es bei vielerlei Rockern hoffentlich vor allem Blasen an den Füßen und kleine blaue Flecke an den Armen aus der Mosh Pit sind, wurde insbesondere unsere persönliche Sicht auf ein Festival dieser Größe komplett verändert. Wir alle waren dieses Jahr nicht nur auf einem Festival – wir haben ein Zeichen gesetzt. Ein Major Festival wie Rock am Ring ist für sein buntes Line Up und die scharen an verschiedenen Geschmäckern bekannt. Doch seit Freitag Abend schlugen Tausende Herzen nur noch in einem Takt und der war der eigentliche Headliner!

Sorry Terror – das Festival war ausverkauft und auf der Gästeliste hast du auch nichts zu verlieren.

Alex Hoppen
Alex Hoppen

Denkt er wäre der Administrator, fährt Smart, mag Enten, Guitar-Hero-Profi, putzt Bier mit Zähnen – oder umgekehrt?, cheated bei Pokémon Go, speifrei seit 2014, Erste-Reihe-Milchtrinker aus Überzeugung und liebt Katzenbilder.