Scheiß auf Argumente – Egotronic im Interview

Vergangenen Dienstag haben wir uns mit Torsun von Egotronic über die neue Platte, Politik und die kommende Fesivalsaison unterhalten.

Am 19. Mai erscheint euer neues Album „Keine Argumente“. Was bedeutet der Albumtitel für euch?

Die Platte ist eine polemische Platte. Sie ist sehr wütend, sie ist sehr böse und deswegen geht es nicht um Argumente sondern auch darum sich zu beschimpfen. Die Zustände sind so schlimm das ich da einfach mal die Wut rausgelassen habe und das Cover ist auch ein ganz klares Ja zur Gewaltfrage, das heißt wenn Nazis auftauchen dann bitte auch aufs Maul. Ganz trocken. Scheiß auf Argumente in dem Moment, da geht es dann um andere Sachen.

 

Als wir das erste Mal beim Hurricane gespielt haben, da habe ich geweint.

Also nicht zu diskutieren sondern…

Genau. Es gibt auch Leute mit denen gibt es nichts zu diskutieren und das ist dann auch die Ansage.

Das Album erweckt den Eindruck das ihr viel wütender & angepisster seid. Worin unterscheidet sich dieses Album von seinen Vorgängern?

Es ist mit großem Abstand das wütendste Album, es ist auch insgesamt das politischste Album von Egotronic. Das liegt selbstverständlich auch an der politischen Entwicklung der letzten Jahre und der Bruch vom rein elektronischen Sound zum Punk ist jetzt quasi abgeschlossen. Der Sound ist genau so wie ich ihn gerade will.

Eure erste Single „Scheiße bleibt Scheiße“ setzt ein klares Statement. Gab es ein besonderes Ereignis das euch dazu gebracht diesen Song zu schreiben ?

Das ist wirklich die allgemeine Grundstimmung. Ich habe die Musik und der Sänger von Alles.Scheisze hat den Text geschrieben, das war unsere Kooperation. Ich finde er ist einer der besten Texter die es gerade gibt. Wir ergänzen uns sehr gut und sind auch politisch auf einer Wellenlänge. Es gibt also keine konkrete Situation wobei natürlich die Situation in Köln aufgegriffen wird – Sexismus gegen Rassismus, als ob nicht beides Scheiße wäre. Als ob man Sexismus mit Rassismus bekämpfen könnte. Das ist natürlich konkret aber sonst ist der Text relativ allgemein gehalten.

Habt ihr einen Lieblingssong?

„Scheiße bleibt Scheiße“ gehört definitiv zu meinen Favoriten und „Hauptstadt der Bewegung“ ist meiner Meinung nach der perfekte Elektro-Punk-Song geworden. Da hat die Mischung perfekt gepasst, das ist neuer Elektropunk wie ich ihn mir wünsche.

Ihr habt auf eurem Album auch einige Gäste…

Genau, ich wollte auch Frauenvocals haben deswegen ist bei drei Stücken ein Frauenchor und bei zwei anderen noch Frauengesang, dann natürlich Rod, der bei einem Stück noch in die Gitarrensaiten gehauen hat und bei „deine Melodie“ wurde das Solo am Ende von Mille von Kreator gespielt. Bei uns gab es immer irgendwelche Features, selbst bei Lustprinzip war schon ein Feature.

Das Album wurde von Rod Gonzales (die Ärzte) nicht nur produziert und gemischt sondern er hat auch einen Gastbeitrag im Song „Odenwald“. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und wie war die Zusammenarbeit für euch?

Ich kenn den Rod schon relativ lange, wir hatten jahrelang keinen Kontakt und über Facebook sind wir wieder in Kontakt gekommen. Die letzte Platte habe ich ihm auch geschickt und er meinte er fände die ganz cool, er würde es nur anders mischen. Als wir dann die neue Platte aufgenommen haben, hab ich ihn gefragt ob er Zeit und Bock hat und er kam in den Proberaum und hat sich die Stücke angehört. Für mich ist das ein Ritterschlag. Das war ein sehr freundschaftliches Ding. Ich bin ihm sehr dankbar und ich hab auch eine ganze Menge gelernt über das Songwriting. Er hat bei ganz vielen Stücken die Hektik raus genommen, die Stücke klingen viel aufgeräumter. Es war wirklich eine wunderbare Erfahrung mit Rod zusammen zu arbeiten und ich bin sehr, sehr happy damit.

 

Ich bin wirklich sehr, sehr wütend.

Ihr geht im Mai auf Tour und spielt dann Anfang Juni bei Rock am Ring und Rock im Park und anderen Festivals. Wie fühlt sich das für euch an?

Rock am Ring ist für mich der Wahnsinn, das war das erste Festival auf dem ich war, da war ich 12 Jahre alt, das war ein Kindheitstraum dort zu spielen. 2017 ist es so weit. Natürlich freuen sich alle aber für mich ist das noch mal außergewöhnlich weil das eben mein erstes Festival war. Aber wir freuen uns natürlich auch auf die kleinen Festivals.

Spielt ihr lieber kleine Clubshows oder große Festivals?

Ich mag beides total gerne. Bei den Festivals sind viel mehr Leute, da haben wir auch schon vor ein paar tausend Zuschauern gespielt, im Club sind es ein paar hundert oder so. Im Club ist es unmittelbarer, man steht direkt vor den Leuten und kann ohne Probleme in die Menge hüpfen und auf den großen Bühnen ist man naturlich viel weiter weg. Als wir das erste Mal beim Hurricane gespielt haben und wir nach dem Auftritt hinter die Bühne gegangen sind, da habe ich geweint.

Aus dem freundlichen „Raven gegen Deutschland“ ist inzwischen ein wütendes „Deutschland, Arschloch, Fick dich“ geworden. Inwieweit hat die aktuelle politische Lage Einfluss auf eure Texte gehabt und ist sie auch der Grund dafür, das euer Album so zornig klingt?

Das ist absolut der politischen Lage geschuldet, jetzt käme ich gar nicht auf die Idee so etwas wie „Raven gegen Deutschland“ zu machen. Die letzten Jahre ist in Deutschland wieder progromstimmung aufgekommen. Wir haben allein letztes Jahr an den EU-Außengrenzen 4000 Ertrunkene, dass muss man sich erstmal vorstellen. Dementsprechend ist meine Stimmung und meine Laune und so klingt eben auch die Platte. Da ist gar kein Platz für so eine spaßige Nummer wie „Raven gegen Deutschland“. Musik ist immer etwas emotionales und daher spiegelt das Album auch meine Stimmung wieder. Ich bin wirklich sehr, sehr wütend.

Ihr habt euch als Band von Anfang an politisch ganz klar positioniert. Würdet ihr euch das auch von anderen Bands wünschen?

Absolut. Ich muss da auch noch mal lobend Jennifer Rostock erwähnen, die haben sich ja auch einigen ihrer Fans richtig angelegt. Das fand ich cool, ne Band die so groß ist und so im Rampenlicht steht dann so straighte, antirassistische, antisexistische Positionen einnehmen, das find ich stark. Und klar ich würde mir wünschen, dass sich alle so straight positionieren, das wäre wünschenswert aber es bleibt leider ein frommer Wunsch. Es gibt immer ein paar Bands, die das machen. Bei Audiolith sind es ein paar z.B. Frittenbude, Feine Sahne Fischfilet, Tocotronic oder die Sterne. Stell dir mal vor Helene Fischer würde sich antifaschistisch positionieren, das würde natürlich einen Aufschrei geben bei ihren Fans aber das wäre geil. Vor allem jetzt, in einer Zeit in dem der Rechtsdruck nicht mehr zu verdrängen ist. Um ein negativ Beispiel zu nehmen – einerseits fahren die Toten Hosen nach Dresden und spielen da für die Pegida Gegner, was ich wirklich super finde und dann aber sind sie sich nicht zu schade mit Freiwild zum Echo zu gehen, das finde ich völlig irre. Beim Echo konnte man wirklich sehen wie schnell sich das normalisiert hat. Am Anfang war der Aufschrei groß, beim zweiten Jahr nur noch ein bisschen. Beim ersten Jahr haben die Toten Hosen auch abgesagt und jetzt sitzt sogar jemand von Freiwild in der Jury und der Reichsbürger Xavier Naidoo macht die Moderation und es ist völlig egal. Das ist Wahnsinn. Und da würde ich mir klare Kante wünschen.

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Kreative Seele des Hauses, trinkt den Jägermeister warm, Studentin, mag Kevin mehr oder weniger, hat eine legale Adobe Cloud, Führerschein Klasse B, streichelt Einhörner und hat diesen Text definitiv nicht selbst geschrieben.

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