Von Promo, Punk und Prostitution – SMILE AND BURN im Interview

Sie haben ein Händchen für hymnische Punk-Songs, hauen geniale Musikvideos am laufenden Band raus und lassen live keinen Stein auf dem anderen: SMILE AND BURN. Wir machten es uns mit Gitarrist Sören Frey und Drummer Fabian „Wolli“ Wollert vor dem Stuttgart-Konzert der „Get Better Get Worse“-Tour in den heiligen Hallen von Day By Day Records gemütlich, um über die Entstehung des neuen Albums, das Tourleben und die deutsche Punk-Szene zu sprechen. Dabei merkten wir, dass die Jungs neben den genannten Qualitäten auch noch einen fantastischen Sinn für Humor haben. Verdammte Teufelskerle, diese SMILE AND BURNs.

Gestatten: Die Herren SMILE AND BURN in voller Pracht. (Photo by Max Threllfall)

Gestatten: Die Herren SMILE AND BURN in voller Pracht. (Photo by Max Threllfall)

Gringoz Magazine: Als ich für das Interview recherchiert hab, ist mir aufgefallen, dass ihr gar keinen Wikipedia-Artikel habt!

Sören: Whaaaaaat?

Wolli: Warum hast du ihn nicht gleich angelegt? (lacht)

Wenn ihr einen hättet, was sollte denn da über euch drinstehen?

Sören: Oar, gute Frage. Also es gibt ja viele Leute, so Schauspieler und so, die Wikipedia-Artikel haben, die auch jetzt nicht Bruce Willis sind, sondern einfach kleine Schauspieler, die man auch nicht so richtig kennt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Leute sich die Artikel selbst schreiben oder deren Management, Promo-Agentur, irgendwas. Insofern würde da wahrscheinlich ein Promotext stehen, wenn wir auch einen Wikipedia-Artikel hätten.

Wolli: Ein sehr gut geschriebener Promotext!

Sören: Ein sehr, sehr gut geschriebener Promotext, genau. Ja, wahrscheinlich wäre es einfach so ein Verkaufsartikel. Das machen Leute bei Wikipedia. Ansonsten weiß ich gar nicht so richtig…viel gibt es eigentlich gar nicht, was man unbedingt über uns wissen sollte.

Wolli: Da würden keine alten Bands drinstehen, in denen wir früher gespielt haben oder so. Wir haben in anderen Bands gespielt, aber die kennt auch außerhalb von Berlin-Marzahn keiner.

Sören: Ich glaube, das Allerwichtigste, was drinstehen sollte, ist, dass wir mittlerweile seit neun Jahren oder so unterwegs sind und vier Alben draußen haben, das ist das, was die Leute am häufigsten ignorieren oder vergessen. Die dann immer so denken „Ja, tolles Debütalbum“ oder „Jetzt mit eurem zweiten Album geht’s richtig los“ und man dann den Leuten sagen muss, dass das vorletzte Album vielleicht das war, was die Leute mitgekriegt haben, aber wir de facto schon viel mehr Alben haben. Und da blutet einem immer so ein bisschen das Herz, wenn die Leute dann so denken „Ja, ihr hattet ja jetzt Action Action und das Neue“. Da denkt man immer „Ach, man, nee!“.

Ich hab auch ganz oft was von „Newcomer“ gelesen, wo ich auch dachte, dass „Newcomer“ nach fast zehn Jahren vielleicht auch nicht mehr so passt.

Sören (lacht): Die dreißigjährigen Newcomer! Nee, also ich glaube auf jeden Fall, im allerersten Satz würde stehen „vier Alben veröffentlicht“.

Dann bleiben wir mal bei der Vorstellungsrunde: Wie ist denn bei euch so die Rollenverteilung abseits der Bühne? Hat da jeder so seinen Job oder gibt’s den Frauenversteher, den Trinkfestesten oder was weiß ich?

Wolli: Trinkfest können wir auf jeden Fall mit „Crew“ beantworten (alle lachen). Gerade weil wir jetzt auch bei dieser Headliner-Tour merken, wir spielen irgendwie länger als sonst und so. Ich hab die erste Woche schon immernoch zwei, drei Bier getrunken vor der Show und hab einfach gemerkt, wie mein Körper irgendwann…also das zehrt dann doch mehr, als wenn man nur schnell eine halbe Stunde Support spielt. Da hast du auch gar nicht viel Zeit zum Bier trinken (Sören lacht). Das ist auf jeden Fall jetzt schon immer ein bisschen anstrengender. Insofern würde ich sagen, dass trinkmäßig die Rollenverteilung eher außerhalb der Band liegt.

Sören: Diese Funktion haben wir ausgelagert. Nach innen haben wir trotzdem auch ganz schön viele, sehr klare Funktionen. Also Wolli zum Beispiel ist absolut der Logistiker, er kümmert sich um alles, was mit fahren, Aufstehzeiten, irgendwelchen Routen, wann muss man wo sein zu tun hat.

Wolli: Einladen…ja, so ein bisschen hab ich mir das immer noch mit Chris [Bassist der Band, Anm. d. Red.] geteilt.

Sören: Wolli hat am ersten Tag direkt sämtliche Sachen, die wir mit haben, durchnummeriert, damit wir beim Einladen immer nach Zahlen vorgehen können. Super praktisch.

Wolli: Damit ich vor allem auch nicht selber nachdenken muss, was kommt jetzt. Der Bus ist bis oben hin randvoll gepackt, wenn das nicht in der richtigen Reihenfolge kommt, passt’s auch einfach nicht.

Sören: Genau. Und Philipp, unser Sänger, macht alles, was mit Video und Foto zu tun hat. Wann immer wir ein Video brauchen oder irgendein Foto, dann macht er das. Und ich mach eigentlich immer, wenn Niko [Manager, Anm. d. Red.] nicht da ist, das Management und sobald er da ist, gebe ich es ihm wieder zurück.

Wolli: Und jedes geschriebene Wort, was auch über irgendwelche Promotion- oder Social-Media-Kanäle geht, kommt auch von Sören.

Sören: Es sind halt super viele Aufgaben und das muss man irgendwann aufteilen. Ich bin auch echt froh, dass Wolli immer den Bus fährt, dann kann ich hinten arbeiten. Ist schon wichtig glaube ich, dass jeder da seinen Anteil mit einbringt, weil außerhalb vom Musik machen gibt’s halt ungefähr fünf Millionen Sachen, die getan werden müssen.

Photo by Pia Böhl / Gringoz Magazine

Photo by Pia Böhl / Gringoz Magazine

Wir haben es gerade ja schon angesprochen – ihr habt ein neues Album, euer Debütalbum (Sören lacht), seit fast zwei Monaten draußen, wie waren denn bisher so die Reaktionen?

Sören: Also total geil glaube ich! Man hat immer so ein bisschen das Problem, wenn die Leute das richtig scheiße finden, dann erfährt man es ja nicht.

Wolli: Also weniger. Wir haben einen Review, der meinte so „Oar, ich fand die Hardcore-Seite früher besser“, wo wir uns selber gefragt haben, ob er die richtige Band gehört hat. Das kam aber auch von einem etwas hardcorelastigen Zine würde ich sagen. Aber ansonsten waren eigentlich alle relativ positiv gestimmt. Die Reviews meinten generell alle „poppig“ und so weiter, viele haben auch gesagt, dass die Songs jetzt krass im Ohr bleiben und dass das mega geil ist, aber eben auch nicht so super standard-poppig klingt. Das ehrt uns dann doch, dass wir einen guten Balanceakt haben zwischen ein bisschen poppig, was wir auch wollten, aber auch was Neues ausprobiert haben, was nicht jede Band hat.

Sören: Ich muss auch sagen,  dass wir bei aden vier Alben so ein oder zwei Verrisse hatten, aber in acht Jahren ein oder zwei Verrisse ist halt auch echt nicht viel.

Wolli: An Alben oder Songs?

Sören: Nee, an Reviews meine ich, die so wirklich schlecht waren. Ansonsten ist das Feedback eigentlich immer voll gut. Kann daran liegen, dass Musikjournalismus qualitativ stark abgenommen hat in den letzten Jahren und die Leute lieber den Promotext kopieren, als kritisch ein Album zu hören. Kann aber auch daran liegen, dass wir irgendwas richtig machen. Ich halte mich mal an das Zweite (alle lachen).

„Vom Mindset her war das Album jetzt komplett anders“

Wenn ihr mal an den Entstehungsprozess des Albums denkt, habt ihr da irgendwas anders gemacht als bei den Alben zuvor?

Wolli: Ja, schon. Ich würd‘ sagen, das Album ist komplett anders entstanden. Bei „Action Action“ haben wir das erste Mal mit jemand Externem, also Olman, der das dann auch aufgenommen hat in seinem Studio, zusammengearbeitet. Der meinte dann „Nee, lass mal den Part da und da hin machen“. Vorher waren es nur wir Fünf und wir haben gesagt, wie der Ablauf ist. Wir wollten bei „Action Action“ dann, dass Olman das auch so macht, was songwriting-mäßig auch mega war, dass er das gemacht hat. Dadurch sind auch echt ein paar Kracher entstanden finde ich. Vor allem war es auch krass, weil Olman sich sehr auf Schlagzeug konzentriert hat und er mich da ganz schön rangenommen hat, was echt eine Erfahrung war, die ich aber nicht missen möchte, war sehr cool. Und diesmal haben wir das ja mit Philipp Koch von Heisskalt gemacht, der sich gegeben seiner Natur mehr auf Gitarren konzentriert hat und viel mehr als für „Action Action“ noch an den Songs mit rumgewerkelt hat. Beziehungsweise die Gitarre in die Hand genommen und gesagt hat „Nee, lass mal das und das spielen“ und dann hat der Song auf einmal eine völlig andere Wendung gehabt. Dazu kommt noch, dass wir vorher immer alles zu fünft im Proberaum gemacht haben, weshalb wir auch immer relativ lang brauchten, um auch nur Ideen für Songs auszuarbeiten und diesmal kamen aber teilweise auch schon ein paar Songideen vom Computer zu Hause. Das war bei uns auch relativ neu. Deswegen vermutlich auch der leicht neue Sound. Einerseits Philipp Koch, andererseits unsere neue Herangehensweise an die Songs.

Sören: Ich glaube auch, dass das Mindset für viele von uns ein komplett anderes war. Wir hatten bei „Action Action“ sehr viel Druck und auch sehr viel Verlangen danach, das alles perfekt ist. Wir wollten wirklich ein perfektes Produkt haben am Ende, also „Produkt“ klingt jetzt ein bisschen sehr kommerzmäßig, aber das sollte halt in der Hand liegen, das sollte sich geil anfassen, es sollte so viele Gimmicks wie möglich haben, das Booklet musste so extensiv wie möglich sein, alles musste ästhetisch perfekt sein, der Sound musste perfekt sein, jede Gitarre…also Olman ist halt auch so akribisch im Arbeiten, er hat die Regler eingestellt, dann hat er sie verstellt und dann nochmal eingestellt. Oder ist in den Proberaum gekommen, hat auf die Snare gehauen und hat gesagt „Ey, das ist so eine balladige Stimmung, jetzt müssen wir den Song einspielen“ und so. Es war so eine Akribik und dann auch so ein krasser Druck, wenn irgendwas nicht geklappt hat. Da hat man sich innerlich dann manchmal zerfleischt, wenn man Deadlines irgendwie nicht erreicht hat. Vom Mindset her war das Album jetzt komplett anders, weil wir uns davon lösen wollten, weil uns das nicht so sehr gefallen hat. Weil wir auf der Bühne sehr befreit agieren und auch eher so ein bisschen rau und anarchisch sind. Und dann haben wir gesagt, wenn wir so auf der Bühne sind, muss sich das auch irgendwie im Album widerspiegeln, also dieses Ungestüme. Deswegen sind wir viel lockerer an das Album rangegangen. Philipp Koch hat einfach irgendwas eingestellt manchmal.

Wolli: Der war davon auch ein Fan. Der meinte dann auch beim Schlagzeug aufnehmen so „Ja nee, komm, wir machen das hier so, dass das passt am Ende und nicht, dass es komplett perfekt ist“.

Sören: Manchmal waren völlig verrückte Sounds dabei. Er hat einfach gesagt „Ja, schmeiß die Gitarre einfach mal in den Raum und dann schauen wir, was dabei rauskommt“. Und auch beim Artwork – wir haben uns einfach getroffen, haben gesagt, dass jeder einfach mal hundert Fotos mitbringt, dann haben wir hunderte Fotos gehabt und einfach alles zerschnibbelt, total wüst und chaotisch, Dinge wieder zusammengeschoben. Dann hatte Philipp ’nen Edding und hat gesagt „Hier, Wolli, schreib mal mit Edding den Titel aufs Papier“, dann haben wir das einfach abfotografiert, kurz in Photoshop einmal schwarz-weiß drübergelegt und das war dann das Cover. Also so ist das entstanden, da ist nichts krass designed, sondern einfach abfotografiert, manchmal sieht man auch den Blitz auf den Fotos noch. Lange Rede, kurzer Sinn: Es war einfach eine komplett andere geistige Herangehensweise.

Ist das jemand von euch auf dem Cover? Weil man erkennt das ja nicht so wirklich. 

Sören: Nee, das ist ein sehr guter Freund von uns, Hannes. Hannes Meier, seines Zeichens Fotograf und Video Creator. Ist halt einer unserer guten Freunde uns das Foto ist halt einfach an einem Saufabend entstanden.

Wolli: Ich wollt grad sagen, das war einfach eines von diesen random hundert, zweihundert, dreihundert Fotos. Wir dachten, das Foto ist irgendwie so random, man sieht ihn da so rumrollen, das hat halt einfach gepasst. Ist gar nicht so, dass man sich einen großen Sinn dabei denkt.

Sören: Auch mit dem Titel „Get Better Get Worse“ ist es einfach so eine gefühlte Wahrheit. Man sieht es und denkt sich, es ist lustig, aber irgendwie auch traurig.

Wolli: Und das Foto spiegelt das eigentlich ganz gut wider.

Das besagte Cover vom aktuellen Album "Get Better Get Worse".

Das besagte Cover vom aktuellen Album „Get Better Get Worse“.

Jetzt aktuell seid ihr ja auf Tour, ihr habt ja schon ein paar Konzerte gespielt, wie lief’s bisher? Also mal abgesehen von den Stimmenproblemen, die ihr gestern hattet [Konzert am Tag zuvor musste deswegen abgesagt werden, Anm. d. Red.].

Wolli: Ja, also wie schon gesagt, wir merken, dass es irgendwie eine andere Tour ist als sonst. Alle Konzerte sind länger, wir sind früher da, wir müssen mehr machen, mehr Interviews geben…

Sören (lacht): Wir müssen mehr Interviews geben, verdammt!

Immer diese Interviews.

Wolli: Sören hat heute früh schon gesagt, man hat den ganzen Tag was zu tun, man ist völlig fertig am Abend, fällt einfach nur noch ins Bett und kann auch nichts mehr machen. Am nächsten Morgen geht’s aber weiter. Wir haben jetzt morgen Off-Day, gestern hatten wir ungeplant Off-Day, trotzdem alles voll. Ich weiß jetzt schon, wir müssen noch Technik reparieren am Montag bevor wir nach Frankfurt weiterfahren, all so ’nen Kram. Wir haben das so ein bisschen antizipiert, dass es mehr wird, aber jetzt nach der Hälfte merkt man auch echt, wie das nochmal gut schlaucht, ’ne Stunde mehr zu spielen jeden Abend statt nur so 30 Minuten schnell mal Support, bisschen Klatsch, Klatsch, let’s go. Aber prinzipiell waren die Shows trotzdem der Knaller.

Sören: Ja, ultra!

Wolli: Die erste Show in Leipzig war ein bisschen kleiner als hier das Zwölfzehn, das Conne Island Café, war auch gleich mit hundert und paar zerquetschte ausverkauft. Dann ist dann für uns doch so, wie sagt man, „rewarding“ auf Englisch. War richtig cool.

Sören: Auf Tour zu gehen und vorher immer zu gucken, wie waren die Vorverkaufszahlen und sehen, da haben Leute Tickets gekauft vorher, ist für uns total geil. Jetzt gestern war natürlich so der krasse Downer, wenn man ein Konzert absagen muss ist das ja der Worst Case, was Schlimmeres kann dir auf Tour nicht passieren. Dementsprechend war die Stimmung auch richtig am Tiefpunkt. Kann aber passieren und jetzt sind wir überglücklich, dass heute auch schon wieder über 90 Tickets verkauft sind und wer weiß, was noch an der Abendkasse passiert. Also der Abend wird auf jeden Fall voll und mega. Also ist der absolute Traum. Und jetzt kommen dann noch Städte wie Köln oder Hamburg. Ultra, besser geht’s gar nicht.

„Man kriegt halt von uns auf der Bühne eine Show, aber auch komplette Authentizität und Ehrlichkeit.“

Ist ja generell so, überall, wo man von euch liest, steht, dass ihr eine fantastische Live-Band seid – wovon wir uns heute natürlich auch noch überzeugen wollen.

Sören (lacht): Dieser Druck!

Was glaubt ihr denn, was eure Live-Shows so gut oder so besonders macht?

Sören: Ich glaube, oder ich weiß es ehrlicherweise auch, weil ich bin ja auf der Bühne, dass wir halt super authentisch sind. Also was wir da machen, klar, wir haben auch Mitklatsch-Parts und machen schon auch irgendwie eine Rock-Show, aber wir wissen halt auch, dass wir aus einer Szene kommen, wo Leute nicht unbedingt gerne mitklatschen. Wir wissen das auch, dass manche Leute im Herzen Punker geblieben sind und wir können das so ein bisschen ausspielen, weil uns das auch so geht, ich klatsch auch nicht mit auf einem Konzert. Die Leute nehmen das dann als sympathisch auf, dass sie dann doch irgendwie mitklatschen. Man kriegt halt von uns auf der Bühne eine Show, aber auch komplette Authentizität und Ehrlichkeit. Jede Ansage ist unique und während den Songs zerfleischen wir uns einfach so gut es geht. Wir hauen überall drauf, so doll, wie wir können.

Wolli: Und so ein bisschen halt auch diese Anarchie, wie gesagt, so ein paar Sachen sind geplant, aber tendenziell ist alles, was passiert, irgendwie völlig random.

Sören: Und ich glaube, das gibt es in der Kategorie und in der Größe nicht so oft in Deutschland. Also das klingt jetzt wirklich ein bisschen arrogant, aber es ist halt bei vielen Bands einfach so, die planen ja selbst wann sie die Bühnenseite wechseln. Oder die Ansagen sind jeden Abend die gleichen, weil man weiß, die funktionieren. Klar schleift sich immer so ein Rhythmus ein, ich verlos‘ auch jeden Abend ein Shirt für den ersten Stagedive weil ich weiß, dass die Leute dann tanzen. Aber der Rest ist bei uns so, wie wir uns gerade in dem Moment fühlen und ich glaube, das ist schon relativ einzigartig.

Photo by Pia Böhl / Gringoz Magazine

Photo by Pia Böhl / Gringoz Magazine

„Es gibt zehntausend Dimensionen, wo wir uns als Punker verstehen.“

Du hast jetzt eigentlich schon wunderbar zur nächsten Frage übergeleitet, nämlich zum ganzen Thema „Punk“. Das ist ja schon die Szene, wo ihr euch zuordnet beziehungsweise wo ihr gern zugeordnet werdet. Was bedeutet denn „Punk“ für euch überhaupt?

Wolli: Puh. Wie viel Zeit haste? (alle lachen)

Sören: Also es gibt zehntausend Dimensionen, wo wir uns als Punker verstehen. Die Dimension, die immer kleiner wird, ist die Sauf- und Partydimension. Also wir hatten ja mal so ’nen Ruf, den wir uns auch selber aufgebaut haben, wo wir nach jeder Show immer übelst besoffen sind. Kommt punktuell noch immer vor, wenn wir am nächsten Tag zum Beispiel frei haben oder nach Hause fahren oder so, aber das wird jetzt weniger. Aber bei manchen Sachen sind wir immer noch krass Punk. Wir sind zum Beispiel, auch wenn das irgendjemand in München letztens behauptet hat, keine Kommerzband. Wir verkaufen Merch für ’nen fairen Preis, wir wollen niemanden über den Tisch ziehen, die Shirts sind fair gehandelt, die sind per Hand bedruckt von Homesick Merch, um mal einen kleinen Shout-Out an dieser Stelle auszusprechen. Und wie gesagt, wir sind authentisch auf der Bühne, trotz Klatsch-Parts. Wir versuchen nicht, den Leuten irgendwas vorzumachen und ich glaube, das ist wirklich das Wichtigste, mit das Wichtigste beim Punk. Und politisch schlägt unser Herz auch einfach auf der richtigen Seite, auch wenn wir nicht jeden Abend eine Anti-AfD Ansage machen und auch keinen Anti-AfD-Song haben, ist das von der Message her glaube ich völlig klar für die Leute. Also, ganz klar.

Wolli: Man kann wahrscheinlich noch sagen, wenn man so in diesen Dimensionen spricht, dass es musikalisch wahrscheinlich auch ein bisschen weniger wird. Aber ich glaube, das ist auch ein relativ natürlicher Weg, den alle gehen, die in dieser ich sag mal simpleren Musikrichtung angefangen haben. Ich hab‘ letztens mit ’nem anderen Kumpel, der eher in einer Hardcore-Band gespielt hat, geredet und der meinte auch so, dass man das einfach mit 30 nicht mehr zwei Wochen am Stück spielen kann, dann biste einfach fertig. Deswegen macht jeder irgendwie was Melodischeres. Entweder mit einer neuen Band oder seine Band entwickelt sich zu Melodischerem weiter. Dementsprechend geht’s da auch ein bisschen weg, aber ich glaube genau diese Herangehensweise ans Album produzieren und wie wir das mit Phil gemacht haben, das ist dann wieder ziemlich Punk gewesen. Es ist so ein differenziertes Ding einfach und ich glaube, bei uns ist es in der Musik nicht mehr so viel sichtbar, aber in unserem Handeln, in unseren Aussagen dann doch.

Sören: Auch die Leute, mit denen wir uns umgeben – also Niko von Day By Day Records oder Management, da steckt zwar „Management“ im Namen, aber der ist halt ein Punker. Oder Alex von Chimperator Live, der jetzt die Konzerte für uns bucht, der ist halt ein Punker. Der geht von der Chimperator-Weihnachtsfeier, um sich Feine Sahne Fischfilet anzugucken und kommt dann zwei Stunden später völlig besoffen wieder. Das sind halt alles Leute, die wissen, worum es geht. Die haben das Herz am richtigen Fleck, die wollen Niemanden über den Tisch ziehen, die wollen auch nicht, dass wir den Soundtrack für die neue Aldi-Kampagne schreiben. Stehen zwar große Namen drauf, aber die Leute, die dahinter sind, sind alle in der gleichen Szene groß geworden wie wir.

Wir hatten es ja vorhin schon – ihr seid ja jetzt doch schon ein paar Jahre aktiv. Habt ihr in der Zeit irgendwie eine Entwicklung oder Veränderung der Punk-Szene in Deutschland wahrgenommen?

Sören: Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt noch so eine richtig krasse Szene gibt.

Wolli: Es gibt ja halt auch irgendwie so tausend Subgruppen gefühlt, die Hardcoreler interessieren sich alle für ihre Sneaker, die Hausis sage ich mal wollen auch nix von allen anderen wissen, es wird alles gefühlt ein bisschen isolierter. Gerade für jemanden wie mich, der geht entweder ins Hausprojekt…weil, ich will mir ’ne Show angucken. Mir ist egal, wo das ist oder wer das ist, wenn dann will ich mir ’ne Show angucken. Und gefühlt checken das viele Leute nicht, die können ja ihre Subgruppe haben, aber irgendwie auch offen sein für alles andere und mit den Leuten wenigstens reden. Ist mir jetzt nicht bewusst die ganze Zeit, aber wenn du jetzt so fragst, würde ich das so ein bisschen sagen, dass immer noch sehr stark in Schubladen gedacht wird. Das ist jetzt sehr philosophisch gedacht, aber vielleicht wird durch dieses ganze Schubladengedenke und diese Blasen, die jeder um sich herum aufbaut, auch durch Social Media und News und so, vielleicht wird das dadurch sogar noch verstärkt. Das würde ich jetzt mal so auf die Frage als erstes antworten. So richtig Veränderung in der Szene (überlegt)

Sören: Ist super schwierig zu beantworten. Wahrscheinlich aber auch, weil wir nicht mehr so richtig tief in der Szene drin stecken. Also wir haben jetzt lange keine Show mehr in ’nem besetzten Haus oder so gespielt. Das heißt, ich weiß gar nicht so genau, was die Leute so im Kopf haben oder woran die gerade arbeiten. Also man will der Szene ja dann auch nicht immer irgendwas unterstellen und sagen „Die Szene ist tot und alle interessieren sich nur noch für Sneaker und wollen nur noch Kommerzmucke machen“, wäre auch voll unfair für alle Bands, die es immer noch auf die ehrliche Art und Weise probieren. Aber gefühlt habe ich schon eher den Eindruck, dass es zumindest im Punk nicht mehr so szenig ist wie früher. Dass wenn Leute Rockmusik machen, dass das schon immer mehr Show und mehr, in Anführungsstrichen, „Business“ ist.

Wolli: Aber wie gesagt, da kommt dann wahrscheinlich auch immer hinzu, mit was wir uns gerade umgeben. Wir spielen jetzt keine Shows mehr, wo die Leute sagen „Ich will auf’m Boden schlafen“!

Sören (lacht): GEMA-Liste, wat Alta?! (alle lachen)

Wolli: Uns war das alles irgendwann…also die Mentalität ist ja nett so, aber das ist genau das was ich meinte mit diesem „außerhalb der Schublade denken“. Es gibt irgendwie so viele Ansichten, die man respektieren und tolerieren sollte und ich glaube dadurch, dass wir da so offen sind und einerseits so mit der einen Ecke anbändeln, aber auch mit so professionellen Leuten zusammenarbeiten…

Sören: So richtige Prostitution! Mit der einen Ecke anbandeln und mit der anderen auch.

Wolli (singt): Du Huuuure… (alle lachen)

Photo by Pia Böhl / Gringoz Magazine

Photo by Pia Böhl / Gringoz Magazine

Habt ihr denn irgendwelche Geheimtipps für Bands aus der Punk-Richtung, gern auch aus Deutschland, die man mal auschecken sollte? Außer eure Supportband The Deadnotes natürlich, das wär zu einfach!

Sören: Also die Deadnotes auf jeden Fall, ganz wichtig, unglaublich sentimentaler, geiler Punk, live super auf den Punkt. Ich persönlich finde auch immer, dass man Fluchtpunkt aus Berlin unbedingt auschecken sollte, auch supergeile Band. Ansonsten…ich bin halt riesengroßer Heisskalt-Fan, aber die sind ja hier sowieso ultra bekannt. Das ist ja auch fern von Geheimtipp.

Wolli: Was gerade so ein bisschen hochkommt, was uns auch so ein bisschen geflashed hat, ist dieser ganze Hype oder die super Platte von den Leoniden, ich weiß auch gar nicht, ob man die noch unter Geheimtipp handeln kann, weil gefühlt sind die grad überall.

Sören: Schon noch so’n bisschen. Aber das Album ist richtig stark.

Wolli: Das Album zum Beispiel…(überlegt)…was gibt’s denn noch?

Sören: Wir kennen eigentlich nur noch Bands, die schon größer sind als wir (grinst).

Wolli: Wer jetzt gerade auch wieder Richtung Studio gegangen ist und auch gerade seine Tour absolviert hat, sind auch schon würde ich sagen Kumpels von uns – Alex Mofa Gang aus Berlin. Die auf jeden Fall auch auf dem Schirm haben. Ich bin auch auf die neuen Sachen gespannt, das Album ist ja jetzt auch schon eine Weile draußen. Ja, so in die Richtung würde ich jetzt sagen.

Dann kommen wir auch schon langsam zum Ende, jetzt noch die ganz klassische Frage – was steht noch so bei euch an dieses Jahr?

Sören (lacht): Oh Gott – ja, interessante Frage! (alle lachen) Ich hab das vorhin auch schon in einem anderen Interview gesagt, ich hab immer noch die Worte von unserem Produzenten Philipp Koch im Ohr, als wir am letzten Tag aus dem Studio gegangen sind, hat er gesagt „Hey Leute, wir können ja gerne das nächste Album produzieren, aber wenn, dann müsst ihr unbedingt sofort nach der Tour wieder anfangen Songs zu schreiben“. Und ich glaube, wir sollten diesen Rat mal ernst nehmen.

Wolli: Abgesehen davon machen wir es ja auch so. Und Saschi [Gitarrist der Band, Anm. d. Red.] meinte gestern schon so „Oar, können wir nicht am Off-Day irgendwo in Stuttgart in ’nen Proberaum, ich bin gerade so in Songschreibe-Mood“.

Sören: Ja also wir fangen sofort jetzt wieder an, Demo-Material zu sammeln, wir müssen auf jeden Fall weit denken, also so für die nächsten zwei Jahre oder wann das nächste Album dann kommt. Und ansonsten…naja, im Sommer sind ja immer Festivals und wir versuchen, da auf jeden Fall so gut wie möglich abzuliefern, den Leuten alles zu bieten, versuchen irgendwie im Kopf zu bleiben und den Nachhall des Albums einfach so lange, wie es geht, mitzuschleifen und den Leuten versuchen das aufzuzwingen (lacht).

Wolli (flüstert): Hört das jetzt gefälligst!

Sören: Klatschen, hören, los geht’s! Facebook liken, liken, liken! (alle lachen)

So, das war’s wie gesagt von unserer Seite eigentlich schon, habt ihr noch irgendwas, was ihr loswerden wollt an dieser Stelle an die Menschheit?

Sören (lacht): An die Menschheit! Ne, also ich hab eigentlich keine letzten Worte diesmal. Ich hab oft welche, aber diesmal nicht.

Wolli: Dann hört doch alle besser einander zu und hört alle mehr SMILE AND BURN und dann ist die Welt auch besser.

Sören: Hört besser aufeinander und mehr SMILE AND BURN!

 

Das Debüt…ääh, aktuelle Album „Get Better Get Worse“ von Smile And Burn ist nach wie vor bei allen gut sortierten digitalen und physischen Plattendealern erhältlich. Und ein paar Konzerte spielen die Jungs auch noch: 

20.03. DE – Frankfurt – Nachtleben
21.03. DE – Köln – Underground
22.03. DE – Dortmund – FZW
23.03. DE – Hamburg – Hafenklang
24.03. DE – Hannover – LUX
25.03. DE – Bremen – Tower
26.03. DE – Bielefeld – Nr. z.P.
31.03. DE – Berlin – Musik und Frieden

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Connection-Tante, hat kein gutes Mikrofon, mag kein Eskimo Callboy - aber Eskimo Callboy mögen sie, kann kein schwäbisch imitieren, steht für Avocados und Weltfrieden, hat immer einen Geheimtipp auf den Lippen und darf schon wählen.

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